1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Schloss-holte-stukenbrock
  6. >
  7. Jeder braucht die Nähe seiner Herde

  8. >

Jürgen Bredenbröker, Leiter des Jugendheims Stukenbrock, im Corona-Interview

Jeder braucht die Nähe seiner Herde

Schloß Holte-Stuk...

Das Jugendheim Stukenbrock ist bis zum 31. Januar wegen der Corona-Pandemie geschlossen.

Monika Schönfeld

Am Computer per E-Mail, am Smartphone, via Telefon und per WhatsApp: Jürgen Bredenbröker ist zu jeder Tag- und Nachtzeit für die Kinder und Jugendlichen erreichbar. Foto:

Erst mal. Und schon wieder. Es ist bereits die vierte Schließung in der Pandemie, sagt der Leiter der Einrichtung, Diplom-Sozialarbeiter Jürgen Bredenbröker (56). Er ist der dienstälteste Leiter eines Jugendhauses in der Stadt (seit April 1992) und nutzt jede Möglichkeit, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu bleiben. Er spricht darüber, was die Pandemie mit ihm und den jungen Menschen macht.

Wie nah ist Ihnen das Virus bisher gekommen?

Jürgen Bredenbröker: Das Virus ist wohl allen sehr nah gekommen. Ich persönlich habe täglich damit zu tun, sowohl im privaten als auch im beruflichen. Erkrankt bin ich daran wissentlich noch nicht. Aber vielleicht habe ich es gar nicht bemerkt. Vorsichtig muss ich allerdings immer sein. Beruflich wie auch privat. Ich pflege meine 91 Jahre alte Mutter. Hier ist somit auch besonders Obacht geboten.

Was überwiegt bei Ihnen gerade: Vertrauen und Gelassenheit oder Unzufriedenheit und Frust?

Bredenbröker: Vertrauen im Sinne von dran glauben, denn blindes Vertrauen ist nicht immer von Vorteil. Ich denke, man sollte alles ruhig kritisch beäugen. Und Gelassenheit ist wichtig, wenn sie nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt wird. Wer kann jetzt schon vollkommen zufrieden sein? Besser wäre sicherlich eine andere Situation und Stimmung. Frust verspüre ich eher nicht, auch wenn ich mit der Gesamtsituation unzufrieden bin. Hier fällt mir der Begriff Resilienz ein. Das ist die Fähigkeit, Lebensbelastungen zu bewältigen und Wege zu finden, dass alles doch irgendwie voran gehen muss.

Welche Spuren hat die Pandemie bei Ihnen hinterlassen?

Bredenbröker: Ich habe sieben Kilo zugenommen. Ich bin Marathon-Läufer, bin aber ohne das Training für Wettbewerbe in der Woche nur 30 statt 80 Kilometer gelaufen. Und dann die Spekulatius... Laufen macht den Kopf frei. Ich brauche das, weil ich schlecht relaxen kann und immer unter Strom stehe. Es gibt aber auch etwas Gutes im Schlechten. Weil sie als Studentinnen nicht mehr nebenbei Geld verdienen können, sind meine Zwillingstöchter (24) wieder nach Hause gezogen. Jetzt ist wieder Leben in der Bude.

Wie bleiben Sie mit den Jugendlichen im Kontakt?

Bredenbröker: Unsere Einrichtung musste insgesamt viermal komplett geschlossen werden. In der Zwischenzeit haben wir über WhatsApp, Mail, Telefon und der Homepage und diverse Video-Challenges zu den Jugendlichen Kontakt gehalten. Unsere Ferienspiele konnten nur in abgespeckter Form durchgeführt werden. Die Einhaltung der Hygienevorschriften hat bei den Kids eigentlich immer gut geklappt, bei den 15- bis 18-Jährigen wurde es gegen Ende des Jahres schwieriger. Die hatten einfach die Nase voll. Hatten wir geöffnet, mussten wir einige leider immer wieder wegschicken. Das zu müssen ist nicht so schön. Ich habe das getan, wovon eigentlich alle abraten: Ich habe meine private Telefonnummer und Handynummer herausgegeben. Hier bekomme ich zu jeder Tag- und Nachtzeit Impressionen, Stimmungsschwankungen, Eindrücke der Kinder und Jugendlichen beschrieben. Ich hatte das Gefühl, sie brauchen Gehör, das muss man ihnen meiner Einschätzung nach in dieser speziellen Situation auch bieten und ermöglichen. Hier besteht für mich allerdings häufig die Schwierigkeit, Berufliches und Privates zu trennen, da es kaum noch eine Abgrenzung gibt. Das ist oft belastend und das Abschalten gelingt nicht immer wirklich.

Welche Sorgen treiben Sie um?

Bredenbröker: Unsere derzeitigen Sorgen und Ängste sind, dass es möglicherweise Langzeitfolgen hat, dass wir Kinder und Jugendliche abweisen. Wir wissen auch noch nicht, was die Corona-Pandemie-bedingten Verhaltensänderungen für Kinder und Jugendliche bedeuten.

Kann das digitale Angebot den offenen Treff ersetzen?

Bredenbröker: Deutlich wurde uns, dass ein digitales Angebot auf keinen Fall ein reales Angebot ersetzt. Digital ist wichtig, um Kontakt zu halten. Der Mensch, das Kind, der Jugendliche braucht Interaktion real. Soziale Wesen überleben in der Gruppe besser. Soziale Nähe ist etwas, das wir brauchen. Jugendliche sind neugierig und wollen sich und die Welt entdecken. Der Mensch ist ein Herdentier und braucht Kontakt, um sich zu messen, um Anerkennung zu bekommen um Nähe zu spüren, Aufmerksamkeit zu bekommen, um sich anzulehnen, um sich zu reiben und um Gehör zu finden. Persönliche Kontakte und Freundschaften stehen an erster Stelle und stillen das Grundbedürfnis, das wir von Geburt an in uns tragen, uns zugehörig zu fühlen und sozial interaktiv zu sein. Das kann nur bedingt digital aufgefangen werden.

Können Unterhaltungsangebote via Instagram oder Facebook denn helfen?

Bredenbröker: Junge Leute diskutieren gerne über aktuelle Phänomene auf ihren meistgenutzten Social-Media-Plattformen. Zu diesen Plattformen gehört aktuell TikTok. Auch wenn die Kurzvideos dort oft schräg und humorvoll sind, werden oft auch gesellschaftliche Themen verhandelt. Das ist für uns interessant und daran können wir anknüpfen und mögliche Angebote formen. Wir haben zum Beispiel mit unserem Jugendheim-Team einen Aufruf zu einer Daheim-Challenge initiiert. Schickt uns einen Clip von den Highlights, die ihr zu Hause anstellt. Zum Beispiel: Klopapier-Fußball, wer kann die Rolle am längsten in der Luft halten? Oder: Macht einen stillen Flashmob und beglückt mit einem selbst gemalten Bild oder Gruß, mit Kreide auf den Gehweg gemalt, die Person, die du überraschen möchtest. Leider bekam das nicht immer die erhoffte Resonanz und mit den Problemen bei Zoom, Blue Button und Co. mussten wir umgehen und reagieren. Wichtig für die Kids ist allerdings immer der persönliche Kontakt, die Mail, die Whats­App-Nachricht, das Telefonat oder das Abfangen des Hauptberuflichen in der Einrichtung, um etwas zu berichten oder zu erzählen.

Startseite