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Verwaistes Kalb lebt jetzt in Stukenbrock – Weiter Streit um freilebende Bisons in NRW

Park nimmt Bison-Baby auf

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Mary-Jane krault dem kleinen Bullen den Kopf. Die Fünfjährige hat keine Angst, denn schließlich ist das Bison-Baby nicht größer als sie. Noch nicht.

Christian Althoff

Mary Jane knuddelt mit dem Bisonkalb »Sitting Bull«. Foto: meierpress

Das Safariland Stukenbrock hat in der vergangenen Woche einen verwaisten, vier Monate alten Bison aufgenommen, der aus einer landwirtschaftlichen Herde stammt. Tierpfleger Marcel Kremer: »Seine Mutter war gestorben, und in einer Herde geht es schon mal ruppig zu. Ohne den Schutz der Mutter droht ein Kalb verletzt zu werden.«

In freier Wildbahn haben amerikanische Bisons, deren europäische Verwandte Wisente heißen, keine Feinde. Sie laufen nicht weg, weshalb sie schon mal mitten auf der Straße stehenbleiben und Unfälle verursachen. Kommen Menschen ihnen zu nahe, stoßen sie sie fort, was zu erheblichen Verletzungen führen kann.

Tiere sind handzahm

Das ist in Stukenbrock anders: »Bei uns sind die Tiere handzahm«, sagt Kremer. »So wie sich Menschen um ihre Hunde und Katzen kümmern, kümmern wir uns um unsere vier Bisonkühe«, sagt er. »Wir bürsten ihnen das Fell, wir duschen sie bei Hitze, und wir füttern sie mit Pferdemüsli und frischem Gras, das uns ein Bauer dreimal in der Woche bringt. Wir leben quasi mit den Tieren, und deshalb lassen sich unsere Bisons auch von Besuchern durchs Fell fahren.«

Bisonkühe, sagt der Tierpfleger, hätten sehr kleine Euter. »Sie säugen ihre Kälber nur kurze Zeit. Die Kleinen fangen schnell an, Gras zu fressen. Deshalb haben wir auch kein Problem, unseren kleinen Bullen durchzubringen.« Damit der keine Langeweile hat, steht er mit einem Esel und einem Araberhengst im Stall. »Nur unter Aufsicht lassen wir ihn zu den Bisonkühen – jeden Tag ein bisschen länger.« Ausgewachsen kann der kleine Bison eine Schulterhöhe von 1,90 Metern und ein Gewicht von etwa einer Tonne erreichen. »In freier Wildbahn werden diese Tiere etwa 25 Jahre alt, in menschlicher Obhut können es 35 Jahre werden«, sagt der Tierpfleger.

Vereinzelt für Fleichsproduktion gezüchtet

In Deutschland werden Bisons vereinzelt für die Fleischproduktion gezüchtet, seit 2004 gibt es den »Deutschen Bisonzuchtverband«. Das Fleisch gilt als cholesterinarm und erzielt hohe Preise. Nackensteaks werden derzeit für etwa 50 Euro pro Kilogramm angeboten, als Import aus den USA kostet das Fleisch bei manchen Anbietern das Doppelte oder mehr.

Ihre Verwandten, die Wisente (sie haben weniger Fell am Kopf und engerstehende Hörner), galten vor 100 Jahren in Europa als ausgestorben. Die heutige Population geht auf Nachzüchtungen mit Zootieren zurück. In den 50er Jahren wurden die ersten Wisente im Osten Polens ausgewildert.

Heute soll es wieder gut 3000 europäische Bisons geben. 2013 kamen nach Jahrhunderten die ersten nach Deutschland: Ein Bulle, fünf Kühe und zwei Jungtiere wurden mit Erlaubnis der Landesregierung vom Wisentverein Bad Berleburg im Rothaargebirge im Südosten Nordrhein-Westfalens ausgewildert. Sie leben vor allem in Laub- und Mischwäldern, sie sind aber auch in der offenen Landschaft anzutreffen.

Auswilderung ist umstritten

Die Auswilderung in NRW ist umstritten, denn die Wisente fressen die Rinden von Buchen und zerstören so die Bäume. Das Oberlandesgericht Hamm entschied 2017, dass die Waldbauern diese Schäden nicht hinnehmen müssten. Allerdings stünden die wild lebenden Tiere unter Schutz und dürften nicht gejagt oder gefangen werden. Das Gericht verurteilte den Wisentverein, sich bei der Naturschutzbehörde um eine Ausnahmegenehmigung zu bemühen und die Wisente einzufangen.

Der Verein ging gegen das Urteil zum Bundesgerichtshof, und der urteilte im Juli: Die Waldbauern müssen die Anwesenheit der Tiere vorläufig hinnehmen, aber der Verein muss für Schäden aufkommen. Ob das Weiden der Wisente für die Waldbesitzer auf Dauer zumutbar ist, ließ der BGH offen: Das OLG Hamm soll zunächst das Ausmaß der Schäden ermitteln.

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