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Enrico Brissa, Protokollchef des Deutschen Bundestags, spricht im VHS-Forum

Plädoyer gegen Rüpel und Rempler

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Rücksicht ist die Grundlage guter Manieren. Die geht aber häufig verloren. Ein Plädoyer gegen Rüpel und Rempler hat der Protokollchef des Deutschen Bundestages, Enrico Brissa, im VHS-Forum gehalten. Die Volkshochschule und die Kreissparkasse haben etwa 30 Zuhörer zu diesem Thema begrüßt.

Monika Schönfeld

Im Anschluss an die Lesung im VHS-Forum in der Filiale der Kreissparkasse an der Kaunitzer Straße signiert der Protokollchef des Deutschen Bundestages, Enrico Brissa, eins seiner Bücher für Christine Schanz. Foto: Monika Schönfeld

Es geht Brissa in seinem Buch »Auf dem Parkett«, einem kleinen Handbuch des weltläufigen Benehmens, nur am Rande darum, wie man sich beim Staatsbankett zu benehmen hat. Zwar fließen kleine Geschichten am Rande mit ein. Ihm geht es aber mehr darum, den Alltag zu entlarven, der voller Egos und Rempler ist. »In Deutschland rückt man zusammen, indem man sich anrempelt. Man dringt mit den Armen in den Luftraum des anderen an, führt Bodenattacken mit den Knien – im besten Eigeninteresse. U- oder S-Bahn werden als persönliches Wohnzimmer gesehen, wo man sich schminkt, die Nägel lackiert, Zärtlichkeiten austauscht, schläft oder isst.« In anderen Ländern, in denen man eng zusammenlebt, wäre solch ein Verhalten undenkbar.

Keine Anstandsliteratur

Er selbst, berichtet der Sohn eines Italieners und einer Deutschen, sei durch die harte Schule der italienischen Familie gegangen. Tischmanieren wurden nicht in freundlichem Kita-Ton vermittelt, Fehler habe er als kleiner Junge nur einmal gemacht. »Manche sagen, es sei die Welt von gestern, solch ein strenges Regiment zu führen. Ich habe auf der Autofahrt die korrekte Anrede und das Begrüßen meiner Tanten und Onkel geprobt.« Allerdings habe er gelernt, dass Manieren ein Zeichen von Achtsamkeit und Respekt seien. »Ich habe bemerkt, dass viele Menschen verunsichert sind, wie sie sich verhalten sollen. Deshalb habe ich dieses Handbuch geschrieben. Es soll keine Anstandsliteratur sein. Davon gibt es schon genug.«

Den Egoismus, den er in der Gesellschaft wahrnimmt, identifiziert Enrico Brissa als Folge der globalisierten und digitalen Welt. »Menschen müssen sich ständig neuen Anforderungen stellen, sind weniger eingebunden in Zusammenhänge und damit auf sich selbst bezogen. Damit haben sie immer weniger Erfahrungen in einer Gruppe, sind mehr Objekte der Tools und Apps. Die digitale Kommunikation ist weniger verbindlich. Per WhatsApp ist leichter eine Verabredung abgesagt als persönlich.« Er meint zwar, die digitale Welt sei ein Segen. »Virtuelles Leben kann aber das echte nicht ersetzen.«

Wer bezahlt die Zeche?

Vornehm witzig schildert Brissa am Beispiel »Wer bezahlt die Zeche?«, wie schnell etwas peinlich wird, wenn klare Absprachen fehlen. In anderen Ländern ist es üblich, die Zeche durch die Zahl der Köpfe zu teilen. Jeder legt das Gleiche auf den Tisch, so dass auch noch ein ordentliches Trinkgeld für den Kellner bleibt. Wenn jeder das zahlt, was er verzehrt hat, geht das peinliche Erinnern los, das an Geiz grenzt. Meistens fehlt am Gesamtbetrag etwas, so dass das Nachrechnen losgeht. Nicht sehr weltmännisch!

Bildlich vorstellen konnte man sich, wie Brissa erzählte, wie man sich in der Oper nicht verhält. Oder dass man sich nach Möglichkeit niemals ohne Gruß von seinem Gastgeber trennt. Manieren seien nicht abhängig davon, welcher Gesellschaftsschicht man angehöre. Besuche man das Ausland, gelte: »Gehst du nach Rom, lebe wie ein Römer.« Umgekehrt erwarte man das ja auch von ausländischen Gästen.

Der Jurist sagte, Staatsbesuche gehören zu den Höhepunkten seiner Arbeit. Ob er von Fettnäpfchen erzählen könne, in die Politiker getreten seien? »Würde ich so etwas sehen, würde ich es sofort vergessen.«

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