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Klaus Seelbach berichtet, wie sein Vater Hermann den 24. Dezember 1942 verbracht hat

Weihnachten in der Wüste

Schloß Holte-Stuk...

Klaus Seelbach (78) muss an seinen Vater denken, wenn andere jammern, weil sie Weihnachten nicht in großem Rahmen feiern konnten. Sein Vater Hermann Seelbach (1915 bis 1996) hat den 24. Dezember 1942 in Nordafrika verbracht – mitten im Krieg.

Monika Schönfeld

Klaus Seelbach mit den Fotos und Berichten über seinen Vater Hermann, der im Afrikafeldzug Weihnachten 1942 erlebt hat Foto: Monika Schönfeld

Ein Zeitungsausschnitt, der von Anfang der 50er-Jahre stammt, zeigt das Foto von Hermann Seelbach, der eine außergewöhnliche Weihnachtsgeschichte beschreibt. „Wir waren in Syrte angekommen und unsere Flakeinheit bildete mit Artillerie und Panzerabwehr die Nachhut. Es waren die Tage des großen Rückmarsches aus El Alamein und der Tommy saß uns auf den Fersen. Trotzdem hatten wir einige Zelte aufgebaut, um Heiligabend zu feiern. Am Nachmittag fuhren wir in die Wüste zu einigen vorgeschobenen Stützpunkten, um den Männern Weihnachtsgeschenke, Post und ein geschmücktes Bäumchen zu bringen, das in einer langen Reise aus der Heimat gekommen war. Aber aus der Feier wurde nichts. Britische Stützpunktknacker waren mit Panzer und Lkw im Anrollen. Ausgerechnet am Heiligabend wollten sie uns von unserem Platz verdrängen. Stellungswechsel hieß der Befehl. Trotzdem kam das Weihnachtsbäumchen noch zu Ehren. Auf dem Sitz eines Kraftwagens stand der Baum, der Sicht des Feindes entzogen wurden die Kerzen angezündet. Ein Blick in die Lichter, ein Blick in den afrikanischen Sternenhimmel über der Wüste, und dann hieß es Abmarsch. In den Heiligen Abend hinein. Schweigend.“

Hermann Seelbach hatte ein Bataillon unter sich und war eng verzahnt mit Generalfeldmarschall Erwin Rommel, dem „Wüstenfuchs“. Mit seinem Sohn, dem Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel, stand Hermann Seelbach nach dem Krieg lange in Kontakt. Erwin Rommels Einsatz als Befehlshaber des Deutschen Afrikakorps und der Panzerarmee Afrika in Nordafrika, mit deren Truppen er im Juli 1942 bis El Alamein vorstieß, brachte ihm große Popularität in der Heimat und offenen Respekt im Ausland ein. Nach dem Attentat des 20. Juli 1944 wurde er von Adolf Hitler der Beteiligung beschuldigt und zum Suizid gezwungen.

Rommel hatte ein ambivalentes Verhältnis zum Nationalsozialismus und zum Widerstand. Während sein Wandel zum Gegner Hitlers in der Forschung akzeptiert ist, bleibt seine Beteiligung am Attentat des 20. Juli 1944 umstritten. Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass Rommel nicht nur vom Staatsstreich des 20. Juli wusste, sondern diesen auch unterstützte und ins Lager der Verschwörer übergewechselt war. Um dies zu ehren, besteht die Augustdorfer Kaserne auf ihrem Namen. Sie heißt Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne. Bestrebungen, den Namen zu ändern, sind abgewiesen worden.

Hermann Seelbach hat 300 Fotos aus dem Afrikafeldzug mitgebracht. „Die Illustrierte Kristall hat in den späten 50er-Jahren eine Dokumentation mit diesen Bildern gebracht“, berichtet Klaus Seelbach. Die Abzüge habe sein Vater auf Anfrage verschickt. Vor allem Mitglieder des Verbandes ehemaliger Angehöriger des Deutschen Afrika-Korps und deren Angehörige sind daran interessiert.

Anders als andere Schauplätze des Zweiten Weltkriegs galt der Afrikafeldzug als „fairer Krieg“. Klaus Seelbach sagt, der britische Befehlshaber Bernard Montgomery und Erwin Rommel hätten einander als Strategen geschätzt. „Die Kriegsgegner konnten Vereinbarungen treffen, die gehalten wurden – zum Beispiel eine Vereinbarung zur Waffenruhe zu bestimmten Zeiten.“

Hermann Seelbach geriet in amerikanische Gefangenschaft, aus der er 1946 zurückkehrte. Auch drei seiner Brüder dienten im Zweiten Weltkrieg, teilweise an der Ostfront. Alle kamen unverletzt nach Hause zurück.

Klaus Seelbach war Filialleiter einer Bank und 15 Jahre lang Präsident eines Tennisvereins im Siegerland. Im Ruhestand schloss er sich dem FC Stukenbrock an, wo er mit Karl Marxcord und Dieter Robrecht Tennis spielt. Er ist außerdem sportlicher Leiter der Boccia-Abteilung, die im Winter boßelt. Allerdings nicht diesen Winter. Die Corona-Pandemie verhindert das. „Im Vergleich zu dem, was unsere Eltern erlebt haben, kann man sich aber nicht beschweren“, sagt er.

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