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Eltern kritisieren Vergabe der Kindergartenplätze – erneuter Fehlbedarf

»Anmeldung wie im Mittelalter«

Steinhagen  (WB). Die junge Mutter hat ein riesiges Betreuungsproblem. Im Sommer möchte sie nach dem Studium ins Berufsleben starten, doch für ihre 16 Monate alte Tochter hat sie keine Betreuung. Ebenso wie zahlreiche Steinhagener Eltern hat sie jetzt eine Absage für einen Kita-Platz erhalten. Und ebenso wie andere Eltern kritisiert sie das undurchdringliche, chaotisch scheinende Anmeldeverfahren.

Annemarie Bluhm-Weinhold

Alle Kleiderhaken belegt: Die Kitas sind voll und größtenteils sind auch schon die Überhangplätze ausgenutzt. Für Steinhagen soll eine zusätzliche Gruppe im Ü3-Bereich beantragt werden. Spätestens 2018 aber braucht man eine weitere, die elfte Kita. Foto: dpa

»Das ist wie im Mittelalter«, sagt sie. In Steinhagen sprechen Eltern und Kinder persönlich im Kindergarten vor. Eine Onlineanmeldung ist noch nicht möglich im Kreis Gütersloh, eine zentralisierte Anmeldung mit Nennung von favorisierten Kitas auch nicht. Die junge Amshausenerin ist frühzeitig, Monate vor den eigentlichen Anmeldeterminen, in ihrer Wunsch-Kita vorstellig geworden – und auch nur dort: »Ich will ja gar keine andere. Warum soll ich mich überall anmelden?« Auf zwischenzeitliche Nachfragen zu ihren Erfolgsaussichten bekam sie unterschiedliche Auskünfte und letztlich die Absage.

Tagesmutter-Suche auch per Facebook

Was die Amshausener Mutter ärgert: »Ich habe den Eindruck, dass diejenigen, die sich überall angemeldet und immer wieder nachgefragt haben, bessere Chancen hatten.« Jetzt hofft sie auf eine Zusage von der Tagesmutter. Und auch andere Steinhagener sind auf der Suche – auch bei Facebook. Das macht ein weiteres Problem deutlich: Auch Tagesmütter gibt es offenbar zu wenig.

Unbedingt Bedarf anmelden

Alle Eltern, die eine Absage erhalten haben, sollten unbedingt den mitgeschickten Bogen »Antrag auf Bereitstellung eines Betreuungsplatzes« bis zum 15. März an die Kreisverwaltung zurückschicken. Denn so macht man den Rechtsanspruch geltend. Der Kreis muss dann zusammen mit den Kitas und den Kommunen planen, wo und wie man noch Plätze schaffen kann. Spielraum gibt es laut Schulamtsleiterin Gabi Schneegaß noch.

Insgesamt haben die zehn Steinhagener Kitas 17 Ablehnungen ausgesprochen im Ü3-Bereich und eine noch unbekannte Zahl im U3-Bereich, die nach Ansicht von Bürgermeister Klaus Besser höher liegen dürfte. Die Kommune ist aber nicht zuständig für die Kindergartenbedarfsplanung, sondern das Kreisjugendamt. In Gütersloh werden die Angebotsstrukturen der Kitas festgelegt.

Basis sind, wie Sachgebietsleiterin Inga Garten erläuterte, die zweimal jährlich in den Kommunen abgefragten Kinderzahlen. Dennoch sei eine Prognose kaum möglich: »Wir können nicht vor­ausschauen, wann eine Mutter ihr Kind in die Kita gibt.« Hinzu komme, dass es neben einer steigenden Geburtenrate auch mehr Kinder durch Zuzüge in den wirtschaftsstarken Kreis und durch die Flüchtlinge gebe, Frauen früher in den Beruf zurückkehrten.

Überkapazitäten dürfen laut Inga Garten nicht geschaffen werden: »Das Land bezahlt nur den Platz, der tatsächlich belegt ist.« Also bleibt tatsächlich nur das Hangeln von Jahr zu Jahr? »Wir können zusätzliche Gruppen bis zum 15. März beim Land anmelden. Für Steinhagen wird das eine Gruppe sein«, sagt Inga Garten.

Bedarf für eine weitere Kita in Steinhagen

Die Planungen gehen aber weiter. Zum 1. August 2018 sieht der Kreis für Steinhagen Bedarf für eine weitere Kita. Das ist kein langer Planungszeitraum. »Wir werden das Thema mitnehmen in die nächste Fachausausschusssitzung am 29. März«, kündigte Schulamtsleiterin Gabi Schneegaß an.

Doch zunächst heißt es, die akuten Probleme zu lösen. »Etwas Spielraum haben die Kommunen«, so Schneegaß. Sie sei zuversichtlich, dass allen Eltern ein Platz angeboten werden könne. Doch dazu fehlen ihr derzeit noch Zahlen, etwa aus den Rückmeldungen auf die Absagen (siehe Kasten) und für den U3-Bereich, den die Kitas der Verwaltung noch melden müssen.

Obwohl die Kita-Leitungen im Austausch stehen, seien die festgelegten Angebotsstrukturen undurchdringlich, so Schneegaß. Von der angekündigten Reform des Kinderbildungsgesetzes (Kibiz) erhofft sie sich eine Vereinfachung.

Wie kann man Prozedere vereinfachen?

Auch in den Kitas selbst wird das Anmeldeverfahren als problematisch empfunden mit großen Unsicherheiten für alle Beteiligten – auch für die Personalplanung. Eine Mutter, die im Elternrat einer Steinhagener Kita aktiv ist, sagt: »Wir haben uns gefragt, wie man das Prozedere für die Zukunft vereinfachen kann.« Ihr Vorschlag: zentralisieren, zum Beispiel im örtlichen Schulamt.

Kommentar: nicht familienfreundlich

Von Annemarie Bluhm-Weinhold

Da liegen Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinander. Politisch propagiert wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie allenthalben – gerade in Zeiten der gut ausgebildeten Frauen, des Facharbeitermangels und des grundsätzlich veränderten Rollenbildes. Doch das Ideal scheitert an der Praxis und an einem bürokratischen Monster namens Kibiz, Kinderbildungsgesetz.

Warum ist die Planung der Kita-Plätze so hochkompliziert, dass sie kein Außenstehender durchschaut? Und warum ist sie stets so spitz auf Knopf genäht, dass sie jedes Jahr wieder für alle Beteiligten viele unangenehme Überraschungen bietet? Beispiel: Die Gemeinde hat im Mai 2014 mit der AWO-Kita an der Langen Straße den zehnten Kindergarten eröffnet, in der Hoffnung, damit nachhaltig Überhänge auffangen zu können. Kaum drei Jahre später muss die elfte Einrichtung dringend her – eigentlich auch besser schon jetzt als erst 2018. Gerade für eine Gemeinde, die das Siegel »familienfreundlich« trägt, ist es höchst peinlich, wenn Familien bei der Unterbringung der Kinder derart auf dem Schlauch stehen.

Viel gravierender ist die Problematik aber für die Familien. Wie kann eine Frau, die wieder in den Beruf zurückkehren möchte, denn überhaupt planen? Wenn der Arbeitgeber ruft, muss sie doch eine verlässliche Aussage treffen können, ob das Kind mit Beginn des nächsten Kindergartenjahres einen Platz bekommt – sprich: ob sie selbst also zur Verfügung steht. Am Ende ist sie womöglich gezwungen, ein weiteres Jahr zu Hause zu verbringen, weil sich auch keine Tagesmutter findet. Das hat neben dem möglichen Karriereknick auch ganz direkte finanzielle Auswirkungen. So lange reicht das Elterngeld nicht.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fängt mit ganz alltäglichen und praktischen Fragen an. Was spricht eigentlich dagegen, den Kommunen die Kompetenz in der Verteilung der Kita-Plätze zu geben? Bei den Schulen funktioniert das doch auch.

Zeit, dass sich was dreht. Gelegenheit dazu wäre die Kibiz-Reform. Unerlässlich ist dabei aber, dass sich Kreise und Kommunen daran aktiv beteiligen (können).

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