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Hausärzte Schäfer-Wiese kritisieren derzeitige Corona-Massentests

„Das muss so einfach wie möglich sein“

Steinhagen  (WB). „Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht?“ Das fragt sich der Steinhagener Hausarzt Dr. Arno Wiese – mit einem gewissen Sarkasmus. Denn was ihn und seine beiden Kollegen in der Gemeinschaftspraxis am Markt, Dr. Susanne Wiese und Weiterbildungsassistent Clemens Schumacher, plagt, sind die derzeitigen Corona-Massentests. Dass an diesem Donnerstag politisch neue Verfahrensweisen beschlossen werden, wie mit Reiserückkehrern, Berufstätigen und asymptomatischen Indikationen umgegangen werden soll, das begrüßen die drei. Denn die derzeitigen undifferenzierten Testungen bringen die Hausarztpraxis an ihre Grenzen.

Annemarie Bluhm-Weinhold

So sehen die Tupfer aus, mit denen (v.l.) Clemens Schumacher, Dr. Susanne Wiese und Dr. Arno Schäfer den Corona-Abstrich nehmen. Zehn bis 15 Mal täglich machen sie das derzeit – bei Reiserückkehrern, Kita-Mitarbeiterinnen und Lehrern etwa.

„Das Verfahren ist sehr kompliziert“, sagt Dr. Arno Schäfer – „und pervertiert sich täglich“, sagt Dr. Susanne Wiese. Aktueller Aufreger: der neunseitige Rahmenvertrag der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) für alle asymptomatischen Fälle mit öffentlichen Kostenträgern. Der bedeutet noch mehr Aufwand für die Praxen.

Bislang wird in Hausarztpraxen in fünf Fällen getestet.

1. Der „Klassiker“: der symptombezogene Abstrich mit Meldung ans Gesundheitsamt. Vergütung für den Arzt: 20 Euro.

2. Seit dem 3. August werden Kita-Mitarbeiterinnen, Lehrer und Lehrerinnen getestet, die künftig alle zwei Wochen Anrecht auf eine Test haben. Der bürokratische Aufwand ist durch unterschiedliche Formulare sehr hoch. Vergütung: 20 Euro.

3. Menschen, die sich wegen eines Hinweises ihrer Corona-Warn-App testen lassen wollen. Vergütung: zehn Euro.

4. Alle Reiserückkehrer, nicht nur aus Risikogebieten. Vergütung; 15 Euro.

5. Diejenigen, die vom öffentlichen Gesundheitswesen geschickt werden, weil sie zwar völlig symptomfrei sind, aber mit Corona-Infizierten mehr oder weniger Kontakt hatten – Arbeitskollegen zum Beispiel. „Das hat uns am System zweifeln lassen“, sagt Susanne Wiese mit bezug auf den KV-Rahmenvertrag.

Teilnahme ist freiwillig

Die Teilnahme der Hausarztpraxen an den Corona-Tests ist zwar freiwillig – insofern muss sich niemand auf den bürokratischen Aufwand einlassen. „In Steinhagen sind wir neben der Kinderärztin die einzigen. In Halle sind alle dabei“, sagt Susanne Wiese. Die drei Ärzte machen indes klar: „Aber nach unserem Selbstverständnis sollte man als Arzt für seine Patienten zur Verfügung stehen. Das ist unser Versorgungsauftrag.“

Deshalb müsse das Verfahren auch so einfach wie möglich sein – und die Vergütung ausreichend und gerecht. „Ich verstehe nicht, warum Abstriche so unterschiedlich honoriert werden“, so Wiese. Und weiter: „Das signalisiert Verfügbarkeit, die nicht wertschätzend ist.“ Zudem sei gerade auch der kommunikative Aufwand, die Info an die Patienten sehr hoch.

150 Abstriche haben die drei Hausärzte seit dem 3. August vorgenommen – nicht nur von ihren eigenen Patienten. „Wir sind für alle da“, sagen sie. Täglich führen sie den Tupfer zehn bis 15 Mal in den Nasen-Rachenraum von Patienten ein. In den Wochen der Tönnies-Massentests waren es insgesamt 250 bis 300 Abstriche, die in der Steinhagener Hausarztpraxis gemacht wurden. „Aber das war smart“, sagt Susanne Wiese. Denn dabei war das System einfach mit nur einem Formular und einem Kostenträger.

Belastung für das ganze Team

Und deshalb lautet auch die aktuelle Forderung: „Das muss so einfach wie möglich gestaltet werden.“ Doch die derzeitigen Regelungen übersteigen die Möglichkeiten einer Hausarztpraxis fast schon. „Wir machen als Ärzte zwar den Abstrich, aber die Dokumentation liegt bei unserem Team“, weist Arno Schäfer auf die Bindung von Personal hin.

Die diskutierten neuen Regelungen halten die Ärzte für adäquat – obwohl zu befürchten ist, dass die Bevölkerung sie nur schwer akzeptiert: Statt undifferenzierter Massentests von Urlaubsrückkehrern sollen gezielt die aus Risikogebieten getestet werden – nach einer Quarantäne von fünf Tagen. Denn das sei auch vom Infektionsverlauf realistisch.

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