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Derzeit bringen die Landwirte in Steinhagen und Umgebung die Gülle auf die Felder

„Düngen fängt am Schreibtisch an“

Altkreis Halle

Es ist Düngezeit in der Landwirtschaft. Das ist gerade allenthalben auf den Äckern und Wiesen in der Gemeinde Steinhagen und im Rest des Altkreises Halle zu sehen – sollte aber weniger zu riechen sein. Denn die Landwirte und landwirtschaftlichen Lohnunternehmer sind inzwischen mit High-Tech auf den Feldern unterwegs, die die Gülle bodennah aufbringt oder direkt in die Erde bringt.

Annemarie Bluhm-Weinhold

Erklären, wie Düngetechnik heute abläuft: Andreas Upmann-Dallmeyer (Vorsitzender Landwirtschaftlicher Ortsverband), Ortslandwirt Carsten Frentrup, stellvertretender Kreislandwirt Jörg Düfelsiek und Landwirt Carsten Kamp, dem der Anhänger mit Fass und Düngeschläuchen gehört. Foto: Annemarie Bluhm-Weinhold

Doch bevor überhaupt ein Tropfen Gülle, ein Gramm Mist oder Mineraldünger auf den Acker kommt, muss genau berechnet werden, wieviel Düngung überhaupt erforderlich ist. „Düngen fängt am Schreibtisch an“, sagt Carsten Frentrup, Ortslandwirt in Brockhagen mit einem Milchviehbetrieb auf dem Ströhen. Die Bedarfsermittlung erfolgt online für jede einzelne Fläche, für die Anbauplanung und Ertragserwartung hinterlegt sind. Auch Dünger, der schon im Herbst ausgebracht worden ist, oder Gründüngung „vergisst“ das Programm der Landwirtschaftskammer NRW nicht. Und die Behörde kontrolliert auch die erfolgte Düngung.

„Spätestens zwei Tage nach der Düngung muss diese dokumentiert sein“, sagt Tobias Künsebeck. Der Staatlich geprüfte Agrarbetriebswirt leitet seit 2018 den Familienbetrieb in Amshausen – ein reiner Milchviehbetrieb mit derzeit 57 Milchkühen. Inklusive Kälbern und Jungrindern kommt er auf bis zu 90 Tiere. Er bewirtschaftet knapp 40 Hektar Land. „Ich achte darauf, dass die Anzahl der Tiere zur Fläche passt“, sagt Tobias Künsebeck. Sprich: Die anfallenden organischen Stoffe bringt er selbst auf seinen Flächen unter.

Diese liegen zum Teil im Wassereinzugsgebiet und Wasserschutzgebiet der Patthorst, weshalb er auch kürzere Fristen im Jahr hat, in denen er überhaupt düngen darf – im Frühjahr etwa erst vom 15. Februar an (statt 1. Februar). Umso wichtiger auch der Nährstoffvergleich für die Böden.

Auf seinen Flächen baut Tobias Künsebeck das an, was er auch an seine Tiere verfüttert: Ackergras, im Winter auch als Mischgrün mit Klee und Wicke angereichert, und Mais – „vernünftiger Mais ist ein Top-Futtermittel“, sagt der Landwirt. Die Fruchtfolge auf den Flächen ist das eine, die Bodenanalyse das andere. Spätestens alle sechs Jahre muss von jeder Fläche eine sogenannte große Bodenprobe erstellt werden, in der der Gehalt von Phosphor, Nitrat, Stickstoff, Magnesium etc. ermittelt wird. Wichtige Werte für die zukünftige Bedarfsermittlung. Und jedes Jahr werden auch die Inhaltsstoffe der Gülle untersucht.

„Wir sind alle daran interessiert, möglichst die Gülle, also den organischen Dünger, aus unseren heimischen Gebieten, auch vor Ort zu verwenden“, sagt Carsten Frentrup. Zumal Mineraldünger meist von weither kommt und die Stoffe mitunter unter hohem Einsatz fossiler Energien gewonnen werden. Doch ganz verzichten kann man auf den endlichen Stoff Phosphor, den Pflanzen insbesondere im Frühstadium des Wachstums brauchen, nicht. „Die langfristige Bodenfruchtbarkeit ist das Ziel. Gerade die schwachen Böden hier sind in den vergangenen 50 Jahren deutlich besser geworden“, sagt Carsten Frentrup. Biobauern dürfen sogar nur organisch düngen.

„Wir wollen Humusaufbau betreiben“, sagt Jörg Düfel­siek, der in Brockhagen nicht nur einen Schweinemastbetrieb, sondern auch eine Biogasanlage hat. Ein Plus für den Klimaschutz, denn Humus ist in der Lage, Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu speichern.

Doch zurück aufs Feld: Dort haben in den vergangene zwei, drei Jahren auch im Altkreis Halle die großen Gespanne Einzug gehalten. Vorbei die Zeiten, dass die Gülle flächendeckend aus dem sogenannten Prallteller plemperte, dass es zum Himmel stank. Große Fässer hängen hinter großen Traktoren, bestückt mit riesigbreiten Gestängen mit Schleppschläuchen oder Schleppschuhen. Diese bringen die Gülle mehr oder weniger direkt in den Boden.

Seit 2020 sind Prallteller auf Ackerland verboten, 2025 werden sie das auch auf Grünland sein. Und auch Schleppschläuche sterben schon fast aus. „Schleppschuhe sind der Stand der Technik“, sagt Landwirt Carsten Kamp aus Kölkebeck. Die Technik ist teuer – der Anhänger, das Fass liegt im sechsstelligen Bereich und muss entsprechend effizient eingesetzt werden. Und das heißt eben auch: über die normalen Tageszeiten hinaus zum Beispiel bis in den späten Abend fahren. Mitunter wird das Gespann auch auf dem Acker wieder befüllt. Das hat, wie Carsten Kamp und die Brockhagener Kollegen erläutern, vor allem logistische Vorteile – Fahrten zum und vom Hof entfallen – und umwelttechnische Gründe: Die schweren Schlepper können mit weniger Luftdruck auf den Reifen bodenschonender fahren. Ein Lkw-Pendelverkehr stellt den Nachschub sicher.

Und auch das kommt vor: dass landwirtschaftliche Fahrzeuge mit Kennzeichen aus Paderborn oder Osnabrück im Altkreis Halle unterwegs sind. Zwar werden die teuren Maschinen heimischer Landwirte durchaus überbetrieblich eingesetzt, viele beschäftigen aber auch einen Lohnunternehmer. In Steinhagen und Umgebung sind das zumeist Kienker und Goldbeck er, aber auch Betriebe aus den angrenzenden Kreisen übernehmen Arbeiten in dieser ersten landwirtschaftlichen Hochphase des Jahres: „Die Gülle muss jetzt in den Boden. Denn sie muss für eine optimale Pflanzenverfügbarkeit auch noch einregnen, bis die Frühjahrstrockenheit kommt“, sagt Jörg Düfelsiek.

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