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Literarische Begegnung mit dem irakischen Lyriker Ahmed Zaidan in Steinhagen

Ehrliche Stimme aus Mossul

Steinhagen (WB). »Ich schreibe, damit das, was geschehen ist, nicht noch einmal geschieht«, heißt es auf Englisch in dem Gedicht, mit dem Ahmed Zaidan seine Lesung eröffnet. Er möchte als »ehrliche Stimme aus Mossul« seine poetischen Botschaften in der Welt verbreiten.

Johannes Gerhards

Der irakische Autor Ahmed Zaidan (hier mit seiner Übersetzerin Tatjana) war erstmals auf Lesereise in Deutschland. Der Arbeitskreis Asyl und die Gemeindebibliothek hatten ihn jetzt nach Steinhagen eingeladen. Foto: Johannes Gerhards

Nach dem Projekt »Angekommen in Steinhagen« hat der Arbeitskreis Asyl in Zusammenarbeit mit der Gemeindebibliothek die neue Veranstaltungsreihe »Lesung & Gespräch – Literarische Begegnungen« ins Leben gerufen. Beim Auftakt stellt der irakische Lyriker Ahmed Zaidan seine eindrucksvollen Antikriegsgedichte den rund 40 Besuchern vor.

Autor Zaidan nutzt eine kräftige Bildsprache

Seine Texte schreibt und liest er ganz bewusst in englischer Sprache, um die Menschen in Europa zu erreichen. Der Gedichtband »Aurora from Mossul« ist im unabhängigen Hochroth-Verlag erschienen. »Die deutsche Übersetzung liegt gerade ganz frisch vor«, sagt dessen Sprecher Florian Polkowski als Kooperationspartner der Veranstaltung. In seinem Verlag gehe man sehr spielerisch und optimistisch mit der »Königsdisziplin« Lyrikübersetzung um; so komme auch Zaidans kräftige Bildsprache angemessen zur Geltung.

Dem »nackten Mädchen, das die Geschichte mit einem Schrei durchlöchert« wolle er seine Stimme leihen in Zeiten, wo »Worte in Ketten gelegt« werden. »Trage mich zum Anfang der Sterne und zur Geburt des Mondes« und »Oh Sand, wie hast du den Duft meiner Haut gefunden« lauten einige der einprägsamen Passagen, die der 1988 in Mossul geborene Lyriker in leicht beschwörendem Singsang vorträgt.

Teilweise werden die bereits veröffentlichten Texte im Nach­hinein übersetzt, bei den anderen von losen DIN-A 4-Blättern abgelesenen Gedichten fällt das Verständnis gelegentlich schwer, wenn man die englische Sprache nicht so gut beherrscht wie der irakische Autor, der 2005 mit dem Schreiben begonnen hat und seit 2013 im finnischen Turku lebt. Die vier Kapitel seines Gedichtbändchens beschäftigen sich mit Escape (Entkommen), Arrival (Ankunft), Memories (Erinnerungen) und Hope (Hoffnung).

Seine Heimatstadt Mossul ist »in die Hände des Teufels gefallen«

»Regen ist ein fliegender Ozean«, behauptet er und fordert im nächsten Atemzug sein brillantes Gedächtnis auf, alles, auch die vier Jahreszeiten, zu löschen. Der Schnee in Finnland sei ein warmer Teppich, der das Land der Seen und Inseln bedeckt, wo Stille aus tiefer Musik besteht. Einen Dichterfreund im Irak beschreibt er so: »Seine Finger tanzen auf den Saiten der Hoffnung, wenn er auf der Oud spielt«. Zaidans Heimatstadt Mossul, die Prinzessin auf dem Hügel, die einzige Blume auf einem Teppich aus Dornen, sei leider in die Hände des Teufels gefallen, womit ganz unmissverständlich der IS gemeint ist.

Florian Polkowski lobt beim folgenden Gespräch mit dem Publikum die faszinierenden Texte, die Geschichten von schrecklichen Ereignissen auf besondere Art ohne erhobenen Zeigefinger erzählen. Ahmed Zaidan sieht sich selbst als Menschen, der »Wut im tiefsten Wald herausschreit«. Seine leisen Töne werden womöglich eher gehört. Zum Nachdenken bringt er die Menschen auch mit der schlichten Beschreibung: »Krieg ist, wenn Opas und Omas wie Kinder wegrennen«.

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