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WESTFALEN-BLATT-Serie zur Zukunft von Steinhagens Mitte: Digitalcoach Thomas Dickenbrok

„Es geht um digitale Sichtbarkeit“

Steinhagen

Wie geht es weiter im Steinhagener Ortskern? Der Einzelhandel schwindet, sagen viele Experten, die Rede ist von mehr Wohnflächen im Zentrum, von Vielfalt mit Gastronomie, Kultur und Arbeiten. Das WESTFALEN-BLATT beleuchtet das Thema derzeit in Form einer Serie. In dieser Folge kommt Thomas Dickenbrok, Digitalcoach des Handelsverbands OWL, gefördert vom Land NRW, zu Wort und weist digitale Perspektiven des Einzelhandels auf.

Annemarie

Gibt man „Steinhagen Geschäfte“ bei Google Maps ein, ist die Ausbeute gering. Aber auch branchenspezifisch wird es nicht unbedingt besser. Foto: Bluhm-Weinhold/Montage: Lunk

Er sagt: „Es geht gar nicht darum, dass jeder seinen eigenen Onlineshop macht, sondern es geht um die digitale Sichtbarkeit.“ Wenn man bei Google Maps Schulbedarf eingibt, dann kommt bei Steinhagen seiner Recherche nach – nichts. „Im ersten Lockdown gab es die Soforthilfen. Die Händler kamen über die Runden. Der zweite Lockdown aber hat ein Umdenken verursacht“, sagt er. Vielen sei bewusst geworden, dass sie abschließen müssen, wenn sie nicht auch digital weitermachen, schildert Dickenbrok. Viele, die schon digital unterwegs waren, gehen den Weg weiter. Bei den anderen aber ist die Verunsicherung gestiegen. „Sie haben Angst vor der Digitalisierung, weil diese für sie nicht greifbar ist“, so Dickenbrok. Aber: Das Interesse, Grundlagen zu erwerben, sei gewachsen.

In vielen Städten in OWL, so hat der Digitalcoach festgestellt, ist die Altersstruktur der Händlerschaft sehr hoch. „Vielfach muss ich ganz rudimentär anfangen, in 1:1-Gesprächen Empathie wecken und erklären, warum digitale Sichtbarkeit so wichtig ist“, so Dickenbrok. Aber genau dafür ist er da: um kostenlos und vor allem unabhängig zu beraten.

Natürlich könne jeder Händler eine Agentur einschalten, die ihm einen Online-Auftritt gestaltet. Aber dieser will auch gepflegt werden. Einfach von selbst läuft es nicht. Deshalb: Lieber erst einmal grundlegend anfangen. „Es geht nicht um den Online-Shop, sondern um digitale Sichtbarkeit.“ Und die ist bei 75 Prozent des stationären Einzelhandels und der Gastronomie in OWL nicht gegeben – selbst wenn Betriebe in den Sozialen Medien schon unterwegs sind. „Die Sichtbarkeitsmaschine ist Google“, so der Digitalcoach. „Ich kann bei Instagram und Facebook viel machen, werde aber nur eine bestimmte Anzahl von Personen erreichen. Aber über Google kann ich es schaffen, in der ganzen Region sichtbar zu sein“, so Dickenbrok. Brancheneintrag ist so ein Stichwort. Früher haben alle viel Geld ausgegeben, um in den gelben Seiten zu erscheinen – das Medium hat sich verändert.

Wird der Händler erkannt, wird auch die Innenstadt erkannt. Jeder kann also für seinen Ort werben.Und das muss nach Ansicht Dickenbroks nicht einmal über ein Online-Stadtportal sein. „Ich kenne keins, das gut funktioniert, weil die Händler nicht angeleitet werden“, sagt der Digitalcoach. Zudem koste es viel Zeit und Arbeitskraft, die nötigen Aktualisierungen abzugleichen. Letztlich komme die Aura eines Geschäfts viel besser rüber, wenn der Händler selbst Fotos macht, kurze Texte schreibt. Das kostet nach Ansicht Dickenbroks nicht viel Zeit, vielleicht eine Stunde pro Woche. Letztlich sind das analoge und das digitale Schaufenster gar nicht so unterschiedlich.

Natürlich müsse der Einzelhandel selbst etwas tun, um den digitalen Weg erfolgreich beschreiten zu können. Kommunen sollten dabei helfen – aber nicht durch die Anschaffung irgendwelcher Systeme: „Die bringen am Ende nichts. Lieber sollte man einen großen Tisch machen mit allen, die schon in der Stadt sind und gemeinsam Lösungen erarbeiten“, fordert Dickenbrok eine engere Verbindung zwischen Verwaltung und Einzelhandel. „Die Verwaltung muss die Rahmenbedingungen setzen etwa durch eine gute Internetanbindung.“ Der Einzelhandel aber muss es schaffen, sich zu vernetzen. Mit der Kommune, mit der Gastronomie. Und er muss sich hinterfragen: „Ich sollte mir als Händler selbst die Frage stellen, warum ich bei mir im Laden kaufen sollte. Darauf muss ich Antworten finden.“ Und so rät Thomas Dickenbrok: „Jeder muss zu seiner eigenen Marke werden.“ Da ist es wieder, das Stichwort: Aura.

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