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Ein Laden der besonderen Art: Friedrich Bremers Herz schlägt für alte Bücher

Finden statt suchen

Werther  (WB). Wer seine gelesenen Bücher nicht ins Altpapier, sondern in gute Hände geben möchte, sollte wissen: Bei den »Bremer Stadtmusikanten« sind nicht nur Märchensammlungen gut aufgehoben. Das moderne Antiquariat von Friedrich Bremer  (63) an der Ravensberger Straße ist ein Kleinod in Werthers Ladenzeile.

Margit Brand

Von seinem Hobby profitieren Bücher-Liebhaber: Nach Feierabend widmet sich Friedrich Bremer seinem modernen Antiquariat an der Runden Ecke. Bestseller, Klassiker, Liebhaber-Stücke: das Sortiment ist vielseitig und wandelt sich stetig. Foto: Margit Brand

Zwei Sonnenschirme, ein Sessel und ein paar Bücherkisten stehen im vom Verkehr abgebundenen Teil der Runden Ecke auf dem Kopfsteinpflaster. Sie zeigen an, dass geöffnet ist. Eine Einladung zum Reinkommen und Stöbern – nur mittwochs, donnerstags und freitags am späten Nachmittag für zwei Stunden und samstags am Vormittag. Denn das Geschäft ist »mein Hobby, das ich mir leiste«, sagt Friedrich Bremer, der im Hauptberuf als Gärtner und Landwirt in der Waldheimat arbeitet. Reichtümer erwirtschafte er mit dem Verkauf alter Bücher wahrlich nicht. Aber wertvoll – da lässt er keinen Zweifel aufkommen – ist die Arbeit für ihn allemal.

Klassiker und Comics

Friedrich Bremer mag nicht nur Geschichten, die zwischen Buchdeckeln festgehalten sind. Er schätzt auch die Geschichten, die sich im Gespräch über Bücher in seinem Laden entspinnen. Er strahlt, als er von der älteren Dame erzählt, die für ihn neulich Schillers »Glocke« rezitiert hat. Oder dem Mann, der – glücklich darüber, so viele  »Insel-Bücher« entdeckt zu haben – eines zur Hand nimmt und ihm eine Kurzgeschichte über einen Buchhändler vorliest. Genauso begeistert ist er über die Gruppe Jungs (»Tatsächlich, es lesen auch Jungs!«), die regelmäßig vorbeischauen um zu gucken, ob es neue Comics gibt.

Eine Schatzkiste

Denn wer zum Suchen kommt, ist hier nicht unbedingt richtig. Im Antiquariat geht es ums Finden. Sich überraschen zu lassen, was andere aussortiert haben und als eigenes Lesefutter gerade recht kommt. Gerade einmal 65  Quadratmeter ist Bremers Schatzkiste groß und bietet doch in vier kleinen Räumen Auswahl bis unter die Decke, die im Flur des einstigen Kottens tatsächlich mit echtem Stuck verziert ist. Pixi-Bücher von neulich erst erschienen bis uralt warten dort auf die Jüngsten. Bildbände und Bibeln, Klassiker und Comics, Liebesromane und Lyrik wollen nebenan entdeckt werden, egal ob ihr Titel von der aktuellen Bestsellerliste bekannt oder ihre Seiten im Laufe vieler Jahre vergilbt sind. Nach Genre grob sortiert sind sie fein säuberlich in die Regale geräumt. Bücher  mit regionalen Aspekten, gern auch in plattdeutsch, bekommen immer einen Platz. Wenn sich am Boden etwas stapelt, dann nur deshalb, weil gerade wieder die Lagerkapazität nicht ausreicht.

Kein Mangel

Denn über mangelnden Nachschub kann Friedrich Bremer sich nicht beklagen. Manchmal bringen im Leute ausgelesene Bücher, oft wird er gerufen, um den Nachlass eines Bücherfreundes zu sichten. Wenn überhaupt fließt dabei nur wenig Geld. »Meistens sind die Kunden froh, für ihre Bücher eine gute Verwendung gefunden zu haben«, erzählt der 63-jährige Wertheraner, der ursprünglich vom Niederrhein stammt, wie unschwer zu überhören ist. Sein »Dienstwagen« trägt den Original-Schriftzug, der früher zur Gärtnerei seiner Eltern gehörte.

Die zu übernehmen, kam für ihn als junger Kerl nicht in Frage. Er begann, in Bielefeld Soziologie zu studieren und musste dort feststellen, dass all die Theorie ihm wenig zusagte. Er lernte die Arbeit in der Natur zu schätzen, machte eine Landwirtschaftslehre und landete schließlich in der Waldheimat – hier konnte er sein Faible für soziale Arbeit mit seinem Beruf verbinden. Bei einer Fortbildung in Bethel landete er in der Brockensammlung. »Und irgendwann kaufte ich nicht nur gebrauchte Bücher für mich, sondern im größeren Stil«, entsinnt sich Bremer, der bald darauf auf fast jedem größeren Flohmarkt im Umkreis anzutreffen war.

Alles analog

Als vor fünf Jahren H.O. Systeme an der Runden Ecke auszog, um nach Halle überzusiedeln, sah Bremer seine Chance gekommen: ein festes Dach für seine Bücherauswahl, anstatt ihr bei Regen und Sturm immer hektisch eine Plane überzuziehen. Die »Bremer Stadtmusikanten« hatten dank der aufgeschlossenen Familie Welland als Vermieter ein neues Zuhause.

Und das ist wunderbar analog. Hier schrillt noch ein uraltes Schnur-Telefon, das neben der Registrierkasse steht, die schon eine Rarität war, als Friedrich Bremer  als Zehnjähriger im Tante-Emma-Laden in der Nachbarschaft ein Auge auf sie geworfen hatte. Als er erwachsen war, fand sie den  Weg zu ihm. Zweimal die Kurbel drehen, und schon öffnet sich das Geldfach unten. Zusätzlich zum Wechselgeld – gerade Kinder schätzen die Taschengeld freundlichen Bücherpreise – gibt es gern ein paar Bonbons.

Bremer käme nicht auf die Idee, die Fundstücke in seinem Sortiment auch über das Internet anzubieten. »Zum Päckchenpacken habe ich wahrlich keine Zeit«, sagt er und freut sich durchaus darüber, dass das andere machen. Sein Wertheraner Kollege Hans Wäger zum Beispiel, der sich ganz auf die Online-Vermarktung verlegt hat. »Wir arbeiten da wunderbar zusammen.«

Noch zwei Jahre, dann geht Bremer in Rente. Als Gärtner – nicht aber als Antiquar. Im Gegenteil. In seinem Kopf hat er schon Pläne, die er dann endlich mit mehr Zeit und Muße mit den Stadtmusikanten umsetzen möchte.

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