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Literaturkritiker Denis Scheck spricht im Interview über seinen „wilden“ Kanon

„Hamlet ist ein sehr guter Krimi“

Steinhagen  (WB). Bisher kannten die heimischen Literaturfreunde seine Empfehlungen aus der ARD, wo Denis Scheck monatlich das Buchmagazin „Druckfrisch“ präsentiert. Am heutigen Mittwoch können sie sich mit dem 55-Jährigen Kritiker direkt austauschen: Denis Scheck kommt zum Semesterauftakt der VHS Ravensberg nach Steinhagen. Im Gepäck hat er seine „Top 100“ der Weltliteratur: Denn Denis Scheck hat einen neuen Kanon geschrieben. Warum in diesem Michel Houllebecq und „Harry Potter“ Aufnahme gefunden haben, mancher Klassiker aber nicht – darüber hat WESTFALEN-BLATT-Redakteurin Annemarie Bluhm-Weinhold mit Denis Scheck gesprochen. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 uhr im Dietrich-Bonhoeffer-Haus. karten gibt es noch an der Abendkasse.

Annemarie Bluhm-Weinhold

Er moderiert die Sendung „Lesenswert“ im SWR und „Druckfrisch“ in der ARD: Am heutigen Mittwoch ist Literaturkritiker Denis Scheck (im Bild zu sehen bei seinem Auftritt 2018 im Böckstiegel-Museum) zu Gast in Steinhagen Foto: Eische Loose

Sie kommen mit Ihrem Kanon der Weltliteratur in den Altkreis Halle. Sie haben den klassischen Kanon aufgeräumt. Ein Sakrileg, an den Grundfesten der Literaturwissenschaft zu rütteln oder, Marcel Reich-Ranicki hat ja einst auch einen Kanon verfasst, oberste Aufgabe des Kritiker?

Denis Scheck: Hm, das war dieser damals sehr bekannte Kritiker aus dem letzten Jahrtausend, nicht? Literaturkritiker haben in meinen Augen eigentlich nur eine wesentliche Aufgabe, nämlich zu „tirritieren, schabernacken und figurieren“, wie das Astrid Lindgrens Karlsson vom Dach das so schön ausdrückt. Aber im Ernst: Ich habe seit vielen Jahren im Austausch mit Leserinnen und Lesern immer wieder gemerkt, wie riesig das Bedürfnis nach literarischer Orientierung ist. Und ein Kanon soll ja genau das leisten: eine Art Kompass für die unermesslich weite Gefilde der Literatur zu entwickeln.

Was befähigt Astrid Lindgrens „Karlson vom Dach“ oder Hergés „Tim und Struppi“ zur Aufnahme in Ihren Kanon, in Ihre „Top 100 der Weltliteratur“? Und warum bleibt Schiller draußen?

Scheck: Mir ist es mit meinem Kanon darum gegangen, Grenzen zu überwinden, einen „wilden“ Kanon zu entwickeln. Also einen Kanon, in dem durchaus auch Platz ist für Kinderbücher oder Comics. Genau so wie für Science Fiction, Fantasy oder Krimis. Denn was ist „Hamlet“ anderes als ein sehr guter Krimi? Wenn man dann auch noch den Blick über den nationalen Tellerrand heben und eben anders als Reich-Ranicki einen Kanon der wirklichen Weltliteratur präsentieren und zudem mehr Frauen berücksichtigen möchte, dann muss man sich von einigen Local Heroes schweren Herzens verabschieden. Und deshalb habe ich mit Tränen in den Augen auf meinen schwäbischen Landsmann Fritz Schiller verzichtet, denn der ist anders als Goethe im Ausland nie wirklich angekommen.

Worauf muss sich der Zuhörer in Steinhagen einstellen? Auf eine literarische Vorlesung oder auf Vorlesen aus den Werken?

Scheck: Hilfe – das wäre nun wirklich langweilig! Ich möchte doch kein germanistisches Oberseminar abhalten. Es wird um Literatur gehen, aber ich werde mich bemühen, das möglichst anregend und kurzweilig zu präsentieren. Denn eines müssen Sie mir glauben: Ich bin kein Masochist, ich lese, weil ich mich mit diesen Büchern sehr gut unterhalte. Und genau über die Gründe, warum das so ist, werde ich sprechen.

Welches Werk hätten Sie noch gerne in die „Top 100“ aufgenommen?

Scheck: Zugegeben, Friedrich Schiller hätte schon gute Karten, sowohl mit seiner Lyrik wie als Dramatiker. Noch bessere aber Günter Grass mit „Der Blechtrommel“ – auf diesen Roman zu verzichten, sehe ich heute als Fehler.

Ist das Bild, das wir heute von Literatur haben, und unser Anspruch an Literatur anders als früher?

Scheck: Gewiss – schlimm wäre, wenn es anders wäre. Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen, und die Literatur natürlich auch. Aber es gibt einige literarische Grundkonstanten, die der Zeit und den Moden ziemlich enthoben sind: genau das definiert ja einen Kanon. Darüber wird in Steinhagen zu reden sein.

Mit welchem Kanon, mit welchem Bild von Literatur sind Sie aufgewachsen? Offenbar hat es Sie doch früh zur Berufswahl beflügelt, wenn Sie mit 13 Jahren schon Ihre erste Literaturzeitung gegründet haben?

Scheck: Wir halten es im Sport, in der Musik und in der Malerei und beim Schach für ganz normal, dass sich dafür schon Kinder und Jugendliche begeistern. Warum sollte es in der Literatur anders sein? Als kleiner Junge liebte ich Science Fiction und Fantasy wie andere Kinder Fußball oder ein Musikinstrument. Diese Liebe ist erkaltet, aber nie ganz erloschen. Es bereitet mir eine gewisse Genugtuung, dass ich im Lauf meines Lebens verzeichnen durfte, wie aus einem abseitigen Minderheiteninteresse durch „Der Herr der Ringe“, „Game of Thrones“, „Harry Potter“ oder „Star Trek“ Mainstream wurde.

Sie sind nicht nur Literaturkritiker, sondern auch Übersetzer. Hat man dadurch einen anderen Blick auf Texte und Bücher?

Scheck: Ich war Übersetzer, aber das ist lange her. Prägend waren für mich vor allem Begegnungen mit literarischen Übersetzern der 70er Jahre, den unbesungenen Heldinnen und Helden des Literaturbetriebs, die mich freundlicherweise als eine Art Maskottchen adoptierten, als ich damals zu ihnen stieß. Ich habe zwischen meinem 13. und 30. Lebensjahr übersetzt und mir dort sozusagen mein literarisches Lehrgeld verdient. In der deutschen Literaturkritik heute bin ich von lauter Originalgenies umgeben, die ihre Weisheit hauptsächlich mit der Muttermilch und am germanistischen Seminar eingesogen haben.

Sie haben eine Kontroverse ausgelöst, und jüngst noch mal nachgelegt, durch Ihre Kritik an der Entscheidung des Oetinger Verlages, aus Lindgrens und Preußlers Werk Worte „Neger“ oder „Zigeuner“ zu streichen und gehen mit der „Political Correctness“ hart ins Gericht. Ist das literarische Werk unantastbar? Wie würden Sie mit derartigen Begriffen als Übersetzer umgehen? Und wenn man sie stehen lässt, muss man nicht in heutiger Zeit auch bei Kindern zumindest ein Problembewusstsein für derartige Begriffe schaffen?

Scheck: Moment – nicht ich habe die Kontroverse ausgelöst. Auslöser waren jene Menschen, die in Büchern toter Autoren Begriffe eigenmächtig änderten. Nur Tölpel ohne jede sprachliche Sensibilität oder Rassisten gebrauchen heute noch Wörter wie „Zigeuner“ oder „Neger“. Aber in der Vergangenheit waren diese Begriffe gang und gäbe. Da es sich bei den Werken Lindgrens und Preußlers um Kunstwerke handelt, dürfen wir nicht einfach Wörter schwärzen oder durch weniger anstößige ersetzen – das läuft auf das gleiche hinaus, wie wenn man mit einem Farbeimer ins Museum läuft und Genitalien übermalt. Das ist barbarisch. Entweder halten wir die Zumutungen dieser Texte aus, lassen sie in ihrer historischen Gestalt, machen vielleicht eine Anmerkung oder ein Nachwort, dann können wir Astrid Lindgren und Otfried Preußler weiterlesen. Oder wir halten es nicht aus, dass da „Neger“ oder „Zigeuner“ steht: Dann müssen wir uns Kinderbücher und Erwachsenenromane schreiben, die unseren Werten entsprechen und leider Abschied nehmen von Preußler und Lindgren. Was aber nicht geht, ist wie das Orwellsche Wahrheitsministerium permanent die Vergangenheit umzuschreiben. Das ist in der Kunst in meinen Augen vollkommener Irrsinn.

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