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Schauspieler Walter Sittler ehrt mit kurzweiliger Lesung den Meister des Kabaretts

Hildebrandt wie er leibt und lebt

Steinhagen (WB). „Das einzige, das mich mit meiner Bundeskanzlerin verbindet ist, dass wir beide Lob vertragen können.“ Ein Spruch von Dieter Hildebrandt, mit dem er die Verleihung des Erich-Kästner-Preises am 1. September 2013 kommentierte. Typisch Hildebrandt, auch sich selbst nicht von Ironie und Satire auszunehmen. Doch des Lobes voll waren am Dienstagabend vor allem die 180 Zuschauerinnen und Zuschauer bei den Steinhagener Kulturtagen: von Hildebrandt – und von Walter Sittler.

Annemarie Bluhm-Weinhold

Auch das Skispringen, von Walter Sittler trefflich nachempfunden, hat Dieter Hildebrandt böse kommentiert – Wintersport und Formel 1 fand der Meister des Kabaretts langweilig. Umso spannender seine Satire, die ihm zum Ruhm gereicht. Foto: Bluhm-Weinhold

Der bekannte Schauspieler lieh dem Meister des deutschen Kabaretts seine Stimme und seine Präsenz: „Ich bin immer noch da“, so heißt seine Hommage an Dieter Hildebrandt. Auf 90 Minuten ohne Pause hatte Sittler den Abend konzipieren müssen – coronabedingt. Aber auch er ist glücklich, auftreten zu dürfen und tröstete sein maskiertes Publikum: lieber von „Schnutenpulli“ sprechen, das macht’s schon erträglicher. Bei dem was folgte, war die Gesichtsbedeckung ohnehin vergessen.

Kurzweiliger Abend

Es war ein kurzweiliger Abend, der wie im Fluge verging: Sittler las Auszüge aus den letzten Texten des Kabarettisten aus dem posthum veröffentlichten Buch „Letzte Zugabe“ und verband sie mit älteren Stücken. Am 20. November 2013 ist Hildebrandt gestorben. „Mit dem Zustand des Nicht-mehr-da-seins hat er sich aber schon länger beschäftigt“, so Sittler und zitierte frei nach Hildebrandt den Humoristen Otto Reutter (1870-1931): „Der Tod ist so’n schlechter Abschluss vom Leben. Es wäre viel schöner sicherlich: erst sterben, dann hätte man’s hinter sich, und nachher leben, das wäre fein.“

Doch Hildebrandt hat der Nachwelt einen großen Schatz hinterlassen, aus dem Sittler reichlich schöpfen konnte Und so wurden mit Hildebrandt – oder besser: durch Hildebrandt – viele Politiker seiner Zeit lebendig. Herbert Wehner, das streitbare sozialdemokratische Urgestein, beschimpft die SPD als „domestizierte Dackel“, Helmut Kohl kupfert für eine Rede bei Matthias Claudius ab: „Der Mond, meine Damen und Herren, das möchte ich in aller Offenheit sagen, ist aufgegangen.“ Über Horst Seehofer sagt Hildebrandt: „Den ertappst du nie bei einer Meinung“. Gegen Alexander Dobrindt wetterte er: „Es muss doch einen Platz geben, wo man Dobrindt parken kann, ohne dass er Schaden anrichtet.“ Überhaupt stellte er mit bitterer Ironie fest: „Bayern hat hervorragende politische Köpfe, aber keine Wähler dafür.“

Politikerwitze und „Veteranencasting“

Das Publikum genoss den von Walter Sittler so treffend vorgetragenen Hildebrandtschen Witz auf gleich mehrere Generationen von Politikern. Das Publikum kennt sie alle – und ihre Marotten. Doch Hildebrandts Gesellschaftskritik ist nicht minder schneidend als so manche Politikersatire. Das fängt bei der Aufarbeitung der NS-Vergangeneheit an. Hildebrandt hat Erich Kästner, von 1925 bis 1933 einer der bedeutendsten deutschen Satiriker, danach Verfolgter des Dritten Reiches, bewundert. Kästners Kritik an „der deutschen Vergesslichkeit“ hat ihn geprägt für das eigene berufliche Schaffen.

Doch Hildebrandt kann auch anders. Wenn er etwa ein „Veteranencasting“ bei RTL für „Ein Platz an der Sonde“ verlangt oder sich mit viel Verve über den Sport lustig macht. Der schönste ist offenbar das Eisstockschießen – in aller Unschuld stellt er fest: „Ich habe mich gewundert, warum die Menschen da auf dem Eis mit Wärmflaschen herumkriechen.“

Ein schöner Abend. Drei Zugaben muss Sittler liefern, bevor das Publikum bereit war, sehr diszipliniert im Einbahnstraßensystem den Saal zu verlassen.

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