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WESTFALEN-BLATT-Serie zu Steinhagens Mitte: Experte Jörg Beyer empfiehlt Stärkung vorhandener Läden – und rät den Händlern:

„Ich muss meine Kunden zu Fans machen“

Steinhagen

Wie geht es weiter im Steinhagener Ortskern? Der Einzelhandel schwindet, sagen viele Experten, die Rede ist von mehr Wohnflächen im Zentrum, von Vielfalt mit Gastronomie, Kultur und Arbeiten. Das WESTFALEN-BLATT beleuchtet das Thema derzeit in Form einer Serie. In dieser Folge kommt mit Jörg Beyer, als Handelsreferent beim Handelsverband OWL für den Kreis Gütersloh zuständig, ein Experte zu Wort.

Annemarie Bluhm-Weinhold 

Der Fivizzanoplatz: Mit Sieker gibt es hier einen prominenten Leerstand, während sich der Bereich mit dem Haus Vogt demnächst neu entwickeln soll. Foto: Annemarie Bluhm-Weinhold

Er spricht in der aktuellen Situation des Lockdowns von einer Zweiklassen-Gesellschaft im Einzelhandel – auf der einen Seite die, die öffnen dürfen, auf der anderen Seite die, die es nicht dürfen. Und obwohl das Insolvenzgesetz derzeit außer Kraft gesetzt ist, sagt er: „Viele werden nicht wieder auf die Beine kommen, wenn nicht ganz schnell die Hilfe der Politik kommt.“ Noch habe niemand aus den Überbrückungshilfen zwei und drei auch nur einen Euro bekommen – anders als im Frühjahr 2020, als die Soforthilfe tatsächlich sofort ausgezahlt worden sei. Dabei sei mit der Schließung der Gastronomie Anfang November schon die Hälfte der Frequenz in den Innenstädten weggebrochen, danach auch das Weihnachtsgeschäft. Als viel zu träge und zu kompliziert kritisiert Beyer das Konzept der Überbrückungshilfe.

„Das bisschen Click&Collect und Auslieferung von Bestellungen können nicht einmal die Kosten decken“, so Beyer. Der Handel müsse ein „Sonderopfer“ bringen, sagt Beyer und zitiert Zahlen: 36 Milliarden Euro Umsatzminus hat der Handel, der von Schließung betroffen war, 2020 gemacht: „Er hat aber nur 90 Millionen Euro an Soforthilfen bekommen. Das sind drei Prozent. Ein krasses Missverhältnis.“

Aber wie kann es in Zukunft, nach Corona, weitergehen? „Jeder ist aufgefordert, digital auffindbar zu sein“, sagt Jörg Beyer: Nicht für jeden mache ein Online-Shop Sinn. Aber jeder sollte mit Namen, Ort und Branche im Netz gefunden werden können. „Wer das nicht ist, den wir es in fünf Jahren nicht mehr am Markt geben“, ist sich Beyer sicher.

Und: Jeder sollte für gute Bewertungen online sorgen. „Ich muss meine Kunden zu meinen Fans machen“, so Beyer. Er weist auf den Digitalcoach des Handelsverbandes OWL, Thomas Dickenbrok hin, der kostenlos Einzelhändler bezüglich ihrer Aktivitäten und ihres Auftritts im Netz berät. Mehr dazu gibt es in einer weiteren Folge dieser WB-Serie.

Ein weiteres Stichwort dieser Tage des Lockdowns ist „Support your local“ (Unterstütze Deinen lokalen Handel): Thomas Beyer hält es für schwierig, diese Haltung ins Bewusstsein der Bevölkerung zu implementieren. „Ich kann auch derzeit im Supermarkt und Drogeriemarkt, die geöffnet haben, alles kaufen, das auch der Fachhandel bietet. Und es ist verlockend einfach, online zu bestellen“, sagt Beyer. Schon wegen allenthalben kritisierter sozialer und ökologischer Aspekte des Versandhandels, rät er, sich die Vorzüge des Kaufs vor Ort bewusst zu machen: „Die Ware, die ich im Internet anschaue, kann ich beim Händler in die Hand nehmen oder anprobieren, ich bekomme Beratung und Empfehlungen.“

Es sollte, gerade in Orten wie Steinhagen, alles dafür getan werden, den vorhandenen Einzelhandel so zu stärken, dass er überlebt. „Dort, wo Handel weggeht, wird kein neuer entstehen.“ Er habe nach wie vor ein großes Gewicht: „Onlinehandel hat einen flächendeckenden Anteil von 20 Prozent. Das heißt, dass der stationäre Einzelhandel eine Versorgungsfunktion von 80 Prozent hat.“

Auch die Politik werde niemanden finden, der leerstehende Handelsflächen übernimmt. Aber sie kann andere Dinge tun. „Innenstadtbelebung ist ein Prozess, der von der Politik angestoßen werden muss. Mit allen Interessensvertretern gilt es, eine Strategie aufzustellen“, so Beyer. Im Dialog vor Ort sei die Frage zu erörtern: Was braucht der Kunde von morgen?

Sicherlich sei nicht nur der Lebensmitteleinzelhandel gefragt, es gehe nicht darum, die Verbrauchermärkte immer größer werden zu lassen. Nach Ansicht Beyers spielt nach wie vor auch die Erreichbarkeit der Innenstädte eine Rolle – mit jedem Verkehrsmittel. Und da gilt es, über E-Ladesäulen ebenso nachzudenken wie über verkehrliche Strukturen.

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