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Mehr Frauen in die Politik – ein Gespräch mit Vertreterinnen der Steinhagener Fraktionen

»Ich muss meinen Anspruch geltend machen«

Steinhagen (WB). 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland – wie sieht es mit der politischen Teilhabe des weiblichen Teils der Bevölkerung heute aus? Im Bundestag bekanntlich mit einem historisch niedrigen Anteil von 30,9 Prozent nicht so gut. Im Steinhagener Gemeinderat nur etwas besser: Von 34 Mitgliedern sind 13 weiblich – 38,23 Prozent. Verbesserungswürdig, finden viele politisch aktive Frauen.

Annemarie Bluhm-Weinhold

Die Aufnahme aus dem Jahr 1919, als Frauen erstmals wählen und gewählt werden durften, zeigt Anhängerinnen der USPD-Kandidatin Luise Zietz an der Spitze eines Demonstrationszuges. Lange hatten bürgerliche ebenso wie proletarische Frauen für ihre Rechte gekämpft, bevor sie sie in der Revolution 1918 erlangten.

Das WESTFALEN-BLATT hat mit Frauen aus den vier Ratsfraktionen das Thema erörtert – und die Frage gestellt: Braucht die Politik (mehr) Frauen? »Wenn nur Männer Politik machten, wäre manche Entscheidung anders«, sagt Marita Habel (CDU). Manches Problem würden Männer nicht einmal erkennen: »Bei Themen wie Pflege oder Kinder kriegen Frauen einfach mehr mit.«

Heike Horn, Bündnis 90/Die Grünen

Heike Horn, Vorstandssprecherin des Grünen-Ortsverbands, sagt: »Natürlich sind Frauen in der Politik wichtig. Genau so wie engagierte Männer. Da die weibliche Sichtweise sich in einigen Dingen von der männlichen unterscheidet, ist es wichtig, dass beide Geschlechter vertreten sind.«

Ihre Partei ist in Sachen Frauen-Teilhabe vorbildlich: Die Ratsfraktion ist mit zwei Frauen und zwei Männern besetzt, in der um die sachkundigen Bürger erweiterten Fraktion sind es sogar mehr Frauen als Männer (6:5), und im Vorstand sind die Frauen mit 3:1 deutlich in der Mehrheit. Heike Horn erinnert daran, dass die Grünen von Anfang an bei Wahlen auf eine mit Männern und Frauen im Wechsel besetzte Kandidatenliste geachtet haben. »Dies praktizieren wir auch in Steinhagen.«

Das Problem sei ein ganz anders, so Horn: überhaupt junge Leute für die politische Arbeit zu interessieren. Das sagt auch Silke Wehmeier, seit 2012 FDP-Fraktionsvorsitzende im Steinhagener Rat: »Es müssen sich generell mehr Menschen interessieren, mir ist völlig egal, ob männlich, weiblich oder diverse.« Heike Horn führt das Fehlen junger Leute auf deren Lebenssituation zurück: Mit Karriere und Familie seien sie beschäftigt genug. Silke Wehmeier sieht ein generelles Desinteresse an Themen vor Ort. Und auch die mit 17.30 Uhr recht frühe Anfangszeit der Sitzungen sei für normale Arbeitnehmer nicht einfach zu stemmen.

Mechthild Frentrup, CDU

An den Steinhagener CDU-Frauen wird deutlich, was Frauen oftmals in die Politik bringt: persönliche Betroffenheit. Bei Margret Gail waren es politische Hürden beim Hausbau, bei ihren Fraktionskolleginnen Marita Habel und Cordula Liehr der Kampf für den Erhalt der Realschule und die Auseinandersetzung um G8/G9. Selbst mitgestalten ist das Stichwort. »Es kann nicht sein, dass immer nur gemeckert wird, aber niemand kreative Vorschläge macht und dass niemand bereit ist, auf andere Sichtweisen einzugehen«, sagt Mechthild Frentrup, sachkundige Bürgerin (Bauausschuss).

Bei den SPD-Frauen fällt auf, dass sie häufig durch ihre Väter politisiert wurden – wie Gabriele Hartleif, die »Wählt Willy«-Broschüren verteilte und später in der Juso-Hochschulgruppe stritt – auch gegen eine Männer-Phalanx. Myriam Kramer, sachkundige Bürgerin im Schulausschuss, hat als Kind den Vater zu Maikundgebungen begleitet und NRW-Ministerpräsident Johannes Rau »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit« vorgesungen. Schluss mit der »Sofa-Politik«, hat sich Verena Venjakob gesagt, als sie nach Steinhagen zog. Deshalb hat sie ihre Nachbarin Hildegard Fuest angesprochen, die sie mitnahm zur SPD.

Abwertende Sprüche in den Anfangsjahren

Mit 48,5 Prozent Frauen ist die SPD Steinhagen auf gutem paritätischen Kurs. Fraktionsvorsitzende Sabine Godejohann sagt: »Wir heißen Frauen willkommen und hören ihnen zu.« Das funktioniere aber nur gemeinsam mit Männern, meint Gabriele Hartleif. Sabine Godejohann, seit 1989 Ratsmitglied, kann sich erinnern, welche abwertenden Sprüche ihr in ihren Anfangsjahren auch in der eigenen Partei entgegenschlugen – und an den eigenen Durchsetzungswillen. 1994 wurde sie Schulausschussvorsitzende: »Ich war immer unfassbar gut vorbereitet.«

Doch meist neigten Frauen leider dazu, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, konstatiert Hildegard Fuest. »Man fragt sich: Habe ich überhaupt genug politisches Wissen?«, beschreibt Verena Venjakob eigene Unsicherheiten. Sigrid Czaplinsky (CDU) wird da energisch: »Frauen müssen sich die politische Arbeit auch zutrauen. Sie werden ernst genommen, wenn sie sich als kompetent erweisen. Aber: Ich muss meinen Anspruch auch geltend machen.«

Silke Wehmeier, FDP

Hilft dabei eine Quote oder gar das Parité-Gesetz, wie unlängst in Brandenburg verabschiedet. »Nein«, sagt Silke Wehmeier, erklärte Gegnerin jeder Quote: »Über ein Parité-Gesetz darf man nicht mal nachdenken. Was machen Parteien, die eine solche Liste nicht aufstellen können?« Gabriele Hartleif sagt hingegen: »Ohne Quote bewegt sich nichts.« Und Mechthild Frentrup weiß: »Eine Quote kann ein Sprungbrett sein. Das schlimmste aber, was einer Frau passieren kann, ist, wenn sie als Quotenfrau abgestempelt wird.« Sie fordert deshalb vielmehr: »Grundsätzlich täte es allen Bereichen der Gesellschaft gut, wenn das Geschlechterverhältnis ausgewogen wäre. Eigentlich müsste es auch eine Männerquote geben, etwa in Kitas oder Grundschulen.«

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