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Der Abschluss naht – doch Steinhagens Schüler und Lehrer kämpfen mit zu geringen Präsenzzeiten

Lernen unter erschwerten Bedingungen

Steinhagen (WB). Gibt es die Abiturzeugnisse und die Abschlusszeugnisse der Realschule diesmal nur per Post? „Das wollen wir in jedem Fall vermeiden“, sagt Stefan Binder, Schulleiter des Steinhagener Gymnasiums. Und auch Realschulleiter Frank Kahrau verspricht: „Irgendwas lassen wir uns einfallen.“ Fest steht aber auch: Eine Feier wie gewohnt kann es in Coronazeiten nicht geben – und erst einmal sind unter erschwerten Bedingungen überhaupt die Prüfungen zu meistern.

Annemarie Bluhm-Weinhold

Unterricht auch mit dem iPad ist längst keine Selbstverständlichkeit: Denn während die Oberstufe des Steinhagener Gymnasiums mit Endgeräten durchgängig versorgt ist, muss dafür in der Sekundarstufe I das Elternhaus Vorsorge treffen. Foto: dpa

Immer nur ein Pflästerchen auf offene Wunden

Vier Wochen vor Schuljahresende hat das WESTFALEN-BLATT bei den Leitern der weiterführenden Schulen nachgefragt: Wie läuft Schule in Coronazeiten gerade? Stefan Binder beschreibt ein Dilemma: „Alle Planungen, die wir machen, sind immer nur ein Pflästerchen, das wir auf offene Wunden kleben“, sagt er mit Blick auf die viel zu geringen Präsenzzeiten der einzelnen Schüler. Die Sekundarstufe I ist vier Tage bis zu den Ferien da, die Q1, der Abi-Jahrgang 2021, schreibt jetzt noch Klausuren, die EF, die Klasse 10, hat zwar einige Präsenztage mehr, aber auch Prüfungen, und die neunten Klassen werden auch nicht einfach versetzt, sondern müssen die Berechtigung für die Oberstufe erwerben.

Nächste Woche kehren auch die Sechstklässler zurück: „Und sie werden nichts mehr so vorfinden, wie sie es in Vor-Coronazeiten kannten. Selbst die Wege sind vorgegeben“, so Binder.

Nur etwa 200 Schüler pro Tag

Nur etwa 200 Schülerinnen und Schüler können unter den geltenden Hygienevorschriften pro Tag direkt unterrichtet werden. Die Klassen werden gedrittelt. 40 bis 50 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer sind jeweils im Einsatz. Ausfälle im Kollegium hatte das Gymnasium keine. „Auch die, die sich aus Altersgründen oder wegen Vorerkrankungen hätten freistellen lassen können, sind da. Alle wollen die Verantwortung für die Schüler mit allen Konsequenzen tragen“, so Binder.

Zweifellos hat die coronabedingte Schulschließung dem technisch gut ausgestatteten Steinhagener Gymnasium einen ordentlichen Digitalisierungsschub verliehen. Doch unwägbar bleibt dabei die Lage daheim: Wie ist es dort um die Technik inklusive WLAN und die technischen Kompetenzen bestellt? Denn während die Oberstufe mit Endgeräten durchgängig versorgt ist, muss dafür in der Sekundarstufe I das Elternhaus Vorsorge treffen. „Wir haben Endgeräte auch verliehen“, berichtet Stefan Binder. Und dennoch: „An dieser Stelle verlieren wir tatsächlich Schüler, die wir ja begleiten wollen.“

Videochats fordern die Lehrkräfte enorm

Das Steinhagener Gymnasium hat indes eine pädagogische Plattform aufgelegt: „Ein Tool, bei dem alle Schüler und Lehrer angemeldet sind und gesichert digital arbeiten können, beispielsweise über Messenger, E-Mails, in der Datenablage, mit Newsfunktionen und einem Modul für Videokonferenzen“, erklärt der Schulleiter. Der Server steht in der Schule. Videochats insbesondere fordern die Lehrkräfte enorm. Denn es ist nicht so einfach, Unterricht mit 20 bis 30 Schülern über eine Videokonferenz zu machen. Binder: „Das ist Unterricht aus dem 19. Jahrhundert.“ Aber: Besser Frontalunterricht als gar nichts, oder? „Es wird auch gefordert von den Eltern. Und für die Schüler ist es ein enormer Motivationsschub, ihre Lehrer zu sehen und mit den anderen zusammenzusein.“

Seit der Schulschließung Mitte März hat das Gymnasium Konzepte immer weiter verfeinert – auch Sprechstunden, Formulare für Aufgaben mit Abgabedatum und Rückmeldung und und und. „Vieles haben wir im Hauruckverfahren gemacht“, so Stefan Binder: „Ohne Corona wäre das viel langsamer passiert.“

Ins reale Schulleben sind inzwischen alle 600 Realschüler zurückgekehrt: „Und ein Großteil weiß es jetzt zu schätzen, dass er in die Schule gehen darf“, sagt Schulleiter Frank Kahrau. Die Schulschließung hat er Mitte März als vollkommen richtig empfunden – sich aber eine bessere Informationspolitik des Landes gewünscht. Als Erleichterung empfindet er die Telefon- und Videokonferenzen mit anderen Schulleitungen und der Schulaufsicht. Der Austausch sei gut.

Öffnung der Schulen war ein Kraftakt

Die Öffnung der Schulen aber ein Kraftakt. „Es war ein Riesenaufwand, die Hygieneregeln umzusetzen.“ Einige Räume sind gleich für die zehnten Klassen reserviert worden – die müssen Prüfung machen: nur sieben Tische pro Raum, um den Mindestabstand überzuerfüllen. In den anderen Jahrgängen sind es vier Lerngruppen pro Klasse. „Wir haben Glück mit unserer guten Raumsituation“, sagt Kahrau.

Die Maske ist den ganzen Tag über Pflicht, es wird dauergelüftet, die Türen stehen auf. Kahrau ist interessierter Zuhörer des Berliner Virologen Prof. Christian Drosten. Er weiß: „Die Aerosole in der Luft sind gefährlicher als Oberflächen.“ Er ist froh, dass es keinen Coronafall in der Schulgemeinschaft gab – und bleibt vorsichtig: Maskenpflicht und Abstandsregeln werden strikt überwacht. Denn der Schulleiter weiß auch, dass in einigen Familien, in denen es Angehörige mit Vorerkrankungen gibt, die Sorge um die Kinder gewachsen ist. Im Zweifel können sie abgemeldet werden vom Präsenzunterricht.

Das Lernen hat sich in der Phase der Schließung an der Realschule nur bedingt digital abgespielt: „Es hängt der Datenschutz dazwischen“, so Kahrau. So wurden Aufgaben von der laufend aktualisierten Homepage heruntergeladen und analog wieder abgegeben – so das bei der technischen Ausstattung des Elternhauses möglich war. Sonst wurde im Schulbuch weitergearbeitet. Die Realschule bekommt ihren eigenen Server und ein Verwaltungsprogramm erst noch: Zum neuen Schuljahr will die Realschule Onlineunterricht unter Datenschutzkriterien anbieten. Die 200 iPads der Gemeinde für Schüler und Lehrer helfen dabei enorm.

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