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Das Jahr 2020 in Steinhagen mit Großbaustellen, herben Verlusten, ein bisschen Sprengstoff und einer jungen Bürgermeisterin

Mit viel Kreativität durch die Corona-Zeit

Steinhagen

Das Corona-Jahr 2020 – es gibt aber neben den pandemiebedingten Ereignissen (WB vom 28. Dezember) noch viele weitere Nachrichten in der Rückschau.

Annemarie Bluhm-Weinhold

Hotel-Restaurant „Graf Bernhard 1344“ geschlossen – hoffentlich nicht für immer: Im Mai zieht Peter Krebs die Reißleine. Die Verluste durch coronabedingte Stornierungen sind zu groß. Steinhagen verliert ein gastronomisches Schwergewicht. Foto: Annemarie Bluhm-Weinhold

Das Jahr beginnt mit einem traurigen Ereignis: Gerhard Goldbecker, Vize-Bürgermeister und Vorsitzender des Historischen Museums, stirbt mit 75 Jahre. Mit ihm verliert die Gemeinde Steinhagen einen ihrer ganz Großen. Die Trauerfeier in der überfüllten St. Georgskirche mit mehr als 400 Gästen zeigt: Gerhard Goldbecker war ein Mann der Tat, ein zupackender Menschen, einer der Verantwortung übernahm und der die Menschen begeistern konnte. Neben allen Verdiensten in unzähligen Ämtern werden sich die Steinhagener an sein Husarenstück erinnern: Er holte die Kruke nach Steinhagen. Gegen alle Widerstände der Behörden, getragen von einer Welle der Solidarität sorgte er dafür, dass Steinhagens berühmtesten Produkt, dem Steinhäger, 2012 an prägnanter Stelle ein Denkmal gesetzt wurde.

Steinhagen verliert in der ersten Corona-Welle einen großen Gewerbebetrieb und einen Motor der Ortskernbelebung: Im Mai dreht Pächter Peter Krebs den Schlüssel seines Hotel-Restaurants Graf Bernhard um. Zu dieser Entscheidung sieht sich der Gastronom aufgrund der nicht mehr aufholbaren Umsatzverluste gezwungen, die sich auf eine halbe Million Euro nach Auskunft des Gastwirtes summierten. Die wochenlange Schließung im Frühjahrs-Corona-Lockdown ist das eine, das andere sind die wegbrechenden Perspektiven: Es hagelt Stornierungen und Absagen von Familienfeiern und Großveranstaltungen. Der Hotelbetrieb kommt zum Erliegen. Mit 70 Sitzplätzen im Restaurant, etwa 150 Plätzen im großen Saal, 50 Plätzen im Wintergarten sowie einem Biergarten zählt das Graf Bernhard zu einem der großen Bewirtungsbetriebe im Umkreis. Nicht zu vergessen: Peter Krebs, Organisator des Köchemarktes und des Weinmarktes, des Oktoberfestes und der Eisbahn, verlegt mit der Schließung des Graf Bernhard seinen beruflichen Mittelpunkt nach Bad Rothenfelde, wo er als zweites Standbein ein Café und Bistro eröffnet.

Ein Sprengsatz, angebracht an einem Geldautomaten der Steinhagener Volksbank-Hauptstelle Am Markt, hält fast einen ganzen Tag lang unzählige Einsatzkräfte und Bürger in Atem. Die Ortsmitte ist abgeriegelt. Gegen 6.30 Uhr am Dienstag nach Pfingsten meldet eine Kundin die Beschädigung eines Geldautomaten. Die Polizei entdeckt Manipulationen – und einen Gegenstand: besagten Sprengsatz. Dutzende Wohnungen in dem Gebäude werden evakuiert, der Ortskern samt der vielbefahrenen Bielefelder Straße abgesperrt, die Entschärfer des LKA alarmiert. Gegen Mittag sind die Spezialisten aus Düsseldorf vor Ort. Entschärfen können sie den Sprengsatz nicht vor Ort – aber sie entfernen das hochsensible Teil und bringen es am Nachmittag auf einer Wiese des zukünftigen Gewerbegebiets Detert kontrolliert zur Sprengung.

Der Fall in Steinhagen ist ungewöhnlich: Meist leiten Täter Gas in die Automaten ein, um sie zu sprengen. Hier wird Sprengstoff angewendet. Warum die Täter, die gegen 4 Uhr auf den Überwachungskameras zu sehen sind, die Bombe nicht zündeten, kann nur vermutet werden: Möglicherweise hat die Feuerwehr sie gestört, die um diese Zeit zu einer Hilfeleistung in der Nähe anrückte.

Die jüngste Bürgermeisterin stammt aus Steinhagen: Sarah Süß (28) löst Klaus Besser (60) ab. Der langjährige und höchst beliebte Amtsinhaber hatte seine Nachfolgerin selbst vorgeschlagen. Nicht nur die Rathaus-Spitze verjüngt sich, sondern auch der Gemeinderat. Ein Generationswechsel. 16 Mitglieder des alten Rates werden verabschiedet.

Damit verlassen mehr als 200 Jahre Erfahrung das Gremium. Neue Fraktionsspitzen bei CDU und SPD, ein neuer Ausschluss für Klima und Umwelt, und zunächst drei Einzelkämpfer ohne Fraktionsstatus – ein Zustand, den zwei von ihnen, Die Partei und die UWG, im Dezember mit einer Fraktionsgemeinschaft beenden.

Höchst fragwürdig ist der Wahlkampf der AfD in Steinhagen: Zwei Wahlbezirkskandidaten, ein 47-jähriger Mann und eine ältere Dame, sehen sich unwissentlich und unfreiwillig aufgestellt. Sie sind nicht die einzigen. In zahlreichen Orten in NRW kommt es zu derartigen Vorwürfen gegen die AfD.

Letzte Party und Erster Spatenstich: Um Haaresbreite am ersten Corona-Lockdown vorbei schrammt die Sportvereinigung mit der Abrissparty ihrer alten Cronsbachhalle. Im Frühjahr wird dann gebuddelt, im Herbst erfolgt auf schon geschotterter Sohle der symbolische Erste Spatenstich für das Hörmann-Sportzentrum, das Ende 2021 fertig sein soll.

Zwei Großbaustellen hat der Ortskern zu verkraften: Der ZOB wird zur Mobilitätsstation mit neuen Bussteigen, Fahrradplätzen, E-Ladesäulen und Park&Ride-Möglichkeiten ausgebaut. Die Sanierung der Bahnhofstraße zieht sich über ein halbes Jahr und führt zu immer neuen Umleitungen.

Gefeiert wird in Steinhagen coronabedingt gar nicht mehr: kein Köchemarkt, kein heidefest – und auch kein Weihnachtsmarkt. Aber Katja Tarun und ihr Team lassen sich etwas einfallen, um die gemeinnützigen Kassen etwas zu füllen und den Steinhagenern das Herz zu wärmen. Der XXS-Weihnachtsmarkt an vier Donnerstagen im Rahmen des Wochenmarktes findet riesige Resonanz – und das ganz ohne Gedrängel.

Kreativ werden auch die Kulturschaffenden: Das Kulturwerk ersinnt ein stimmiges Konzept für die Aufführungen in der Aula, die Zuständigen der gemeinde ebenfalls für dieKulturtage. Zwar mit noch einmal reduzierter Zuschauerzahl genehmigt der Kreis kurz vor dem zweiten Lockdown das Konzept. Noch einmal gut gegangen. Doch der Literarische Adventskalender geht auch als Online-Variante nach zwei Live-Übertragungen aus dem Rathaus in den Shutdown. Indes: Er hat der Kultur in Steinhagen aus einen neuen Weg gewiesen. Vielleicht werden sich Präsenz-Veranstaltungen und Online-Übertragungen auch in nach-Corona-Zeiten ergänzen.

Und das gilt auch für die Kirchen, die schon im Frühjahr erfinderisch werden, um ihre Gemeinde erreichen: Die Online-Gottesdienste kommen an. Sind sie das Medium, um in Zukunft wieder mehr Menschen für Kirche zu interessieren?

Und diese Aktion weist schon weit ins Jahr 2021: Im Oktober ruft der Steinhagener Horst Remer zur Fahrraddemo auf – um den Verantwortlichen beim Landesbetrieb Straßen NRW zu zeigen, wie problematisch ihre Ausbaupläne für die Bielefelder Straße werden können. 70 Radfahrer bringen den Verkehr zwar nicht zum Erliegen, aber ordentlich ins Stocken. Zusammen mit einer neuen, von der Gemeinde beauftragten Verkehrszählung könnte das aus Sicht der Bürgermeisterin ein gutes Argument für Nachverhandlungen sein.

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