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Was macht Corona mit uns? Mediatorin Gaby Schramm aus Steinhagen schildert Belastungen und gibt Tipps

„Online ist eine Krücke mit hohem Preis“

Steinhagen-Brockh...

Was macht Corona mit uns? Diese Frage hat das WESTFALEN-BLATT der Mediatorin, Supervisorin, Coach und Lehrbeauftragten Gaby Schramm (Institut Schramm) aus Brockhagen schon einmal im April 202o im ersten Corona-Lockdown gestellt. Seit Anfang November dauern nun die aktuellen Beschränkungen an, und sind immer strikter geworden. Höchste Zeit also, die Fragen zu wiederholen. Welche psychischen Belastungen bringt die Krise mit sich? Und wie geht man damit um?

Annemarie

Gaby Schramm in ihrem „Cockpit“: Gleich Foto: Annemarie Bluhm-Weinhold

Nein, es geht uns nicht gut mit dem Leben auf Distanz, im Homeoffice oder Homeschooling, in Online-Konferenzen und mit den Kontaktbeschränkungen. „Corona reißt so viele Menschen aus ihrer Lebenszeit“, sagt Gaby Schramm. Sie hat die Frage des WESTFALEN-BLATTes aufgegriffen und hat in ihren Seminaren und Supervisionen quer durch die Generationen und Hierarchien nachgefragt.

Zum Beispiel bei etwa 80 Studierenden, die sie an den Unis Stuttgart und Paderborn zum Thema Konfliktmanagement unterrichtet. Die Unis haben bis Ende 2021 komplett auf Online-Betrieb umgestellt. Die Altersgruppe der bis zu 30-Jährigen sitzt also in Vorlesungen und Seminaren oft stundenlang und ohne Pause vorm Bildschirm: Das kann Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Sehstörungen, Rückenschmerzen verursachen , aber auch Zorn und Aggressionen oder das Gefühl von Sinnlosigkeit bis hin zu Depressionen. Es kann zu Ess- und Schlafstörungen führen. Es fehlt das Zusammensein mit anderen – von Sport oder Feiern ganz zu schweigen.

Viele Studenten mussten wieder bei den Eltern unterkriechen, weil sie ihre Nebenjobs verloren haben. Und auch wie es nach dem Studium beruflich weitergehen soll, das macht ihnen große Sorgen. Ebenso wie den Schülern, die auf das Ende ihrer Schulzeit blicken.

Digitales Lernen fängt derzeit vieles auf – auch der Brockhagenerin ermöglicht die moderne Technik überhaupt die Berufsausübung. Aber: „Online ist nur eine Krücke. Der Preis, den wir dafür bezahlen, steht in keinem Verhältnis“, sagt sie mit Blick auf die physischen und psychischen Risiken.

Denn Lernen sei Erleben, ein Erfassen mit allen fünf Sinnen, die im Gehirn zusammengeführt würden. In Online-Sitzungen werden aber nur zwei bespielt: Augen und Ohren.

Apropos Lernen: Gerade Kita- und Grundschulkindern entgeht jetzt Entscheidendes in einer Phase der Prägung und Identitätsausbildung, weil alle eine Maske tragen und die Mimik undurchdringlich ist. Diese Dimension fehlt, wenn es darum geht, Körpersprache interpretieren zu lernen.

Gewöhnungsbedürftig aus Sicht der Mentorin: die Distanz. „Menschen machen einen großen Bogen umeinander.“ Bedenklich: die Begrifflichkeiten. „Alle werden potenziell als Gefährder betrachtet.“ Die Nerven werden dünn, Emotionen kommen schnell hoch. Wichtig ist deshalb: „Das, was jemand sagt, nicht persönlich nehmen. Man muss nicht mit allem einverstanden sein. Man sollte aber auch nicht zu allem die eigene Meinung äußern. Lieber in die Beobachterposition gehen, nachfragen, Verstehen signalisieren, aber auch ein Stopp-Signal setzen bei belastenden Themen und deutlich machen, dass das Gespräch zu persönlich wird“, rät Gaby Schramm. So könne man damit auch in der Familie umgehen. Nicht alles ausdiskutieren. Das nimmt Stress.

Homeoffice und Online-Sitzungen sind erst recht für Berufsgruppen kaum zu leisten, die bisher wenig mit Technik zu tun hatten, entsprechend wenig affin dafür sind und über eine eher schlechte Ausstattung vom Server bis zum Endgerät verfügen. Wie die Kita-, OGS- und Einrichtungsleitungen, die nun Teamsitzungen per Videoschalte machen sollen. „Eine Kita-Leiterin hat mit gesagt, sie sei nach drei Stunden Online-Seminar toterschöpft.“ Sinnfragen kommen auf: Warum mache ich das eigentlich?

Überhaupt: Es fehlt am Menschlichen – in jeder Branche, die derzeit auf das Digitale zurückgeworfen ist: „Führungskräfte verlieren das Gefühl und das Verstehen für ihre Mitarbeitenden, da in Online-Sitzungen nur das Nötigste besprochen wird und Persönliches keinen Raum hat“, so Schramm.

Das Team driftet ausein­ander, jeder in seinen Mikro-Kosmos, so dass auch gemeinsame Entscheidungen nicht mehr funktionieren, weil das gegenseitige Verstehen nicht mehr da ist. Besonders schlimm für neue Mitarbeiter: „Sie bekommen keinen Anschluss ans Team“, so Schramm. Und in jedem Fall droht durch Homeoffice eine Entgrenzung von Privat- und Arbeitsleben.

Der Familien-Generation, die doch eigentlich den Wunsch nach mehr Zeit für Familie, Sport und Partnerschaft hat, bringt die Pandemie Sorgen etwa um den Arbeitsplatz und Zukunftsängste: Was wird aus den Kindern? Besonders Frauen tragen eine enorme Last – wenn sie Homeoffice und Homeschooling und die Betreuung von Kita-Kindern stemmen sollen.

Und die Partnerschaft? „Lebensmodelle verändern sich ungefragt und unvorbereitet“, so Schramm: „Plötzlich verbringt man Tage und Nächte in ständiger Zweisamkeit.“ Vielleicht ändert sich auch die Einkommenssituation. Gaby Schramms Tipp: Im Gespräch bleiben, , sich Zeit füreinander nehmen, Projekte planen.

Und was tut uns sonst noch gut?

Bewusste und regelmäßige körperliche Bewegung (Yoga, Sit-Ups etc.) im Homeoffice

Stilles Wasser trinken (das beruhigt und erfrischt)

Beruhigende, aufbauende Literatur oder Filme

Ein Bad nehmen

Affirmation mit guten Gedanken: „Wenn du glaubst, es geht nichts mehr...“

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