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Martin Hörmann kritisiert im IHK-Gespräch Flüchtlingspolitik

Qualifizierte nicht abschieben

Steinhagen  (WB). Die Firma Hörmann ist nicht nur als Tor- und Türenhersteller weltweit ein Branchenriese. Sie ist nach Meinung der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen auch in Sachen Ausbildung ein Vorzeigeunternehmen.

Annemarie  Bluhm-Weinhold

Besuch von der IHK auf »Best Practice«-Tour, flankiert von einigen Hörmann-Auszubildenden: (vorne v.l.) Martin J. Hörmann und Ausbildungsleiterin Rita Clarke mit der IHK-Spitze Wolf D. Meyer-Scheuven, Thomas Niehoff und Swen Binner. Foto: Bluhm-Weinhold

Deshalb würdigte die IHK-Spitze, Präsident Wolf D. Meier-Scheuven, Hauptgeschäftsführer Thomas Niehoff sowie Geschäftsführer Swen Binner, das Familienunternehmen gestern mit einem Besuch im Rahmen der alljährlichen »Best Practice-Tour«. In Zeiten, in denen selbst im Kreis Gütersloh mit nach IHK-Einschätzung guter Ausbildungsquote Stellen offenbleiben, soll dabei über Herausforderungen gesprochen werden.

Hörmann fordert politische Zwischenlösung

Diese gibt es vielfach – selbst für ein Unternehmen wie Hörmann, das in 15 Berufen ausbildet, acht Studiengänge im Dualen Studium anbietet und bei der Werbung um den Nachwuchs von seiner Größe und internationalen Reichweite profitiert. Eines der größten Probleme indes ist in den Augen von Firmenchef Martin J. Hörmann ein politisches: »Mit großen Magenschmerzen betrachten wir die Flüchtlingspolitik. Wir haben mit Geld, Schweiß und Tränen, mit Sprachkursen und Praktika Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt fit gemacht. Und nun soll der eine oder andere wieder nach Hause geschickt werden«, sagte Hörmann und nannte beispielhaft einen Flüchtling aus Afghanistan. »Da muss es eine politische Zwischenlösung geben. Wir brauchen die Arbeitskräfte.«

Hörmann hat sich für die Flüchtlinge stark ins Zeug gelegt. Drei sind im Dualen Studium, 25 im Deutschkurs, der die Teilnehmer in kleinen Einheiten mit Sprachtrainer, Intensiveinheiten und reichlich Hausaufgaben auf ein anspruchsvolles C1-Niveau geführt hat. Einige Sprachkursteilnehmer sind bei Hörmann geblieben, andere hat Ausbildungsleiterin Rita Clarke etwa als Landschaftsgärtner oder in Pflegeberufe vermittelt.

Engagierte junge Leute gefragt

Doch die Flüchtlinge sind nur ein winziger Teil der etwa 200 Auszubildenden in der Hörmann-Gruppe. Egal ob Azubi oder Student: »Wir wollen hundert Prozent gute Leute«, sagte Martin J. Hörmann: »Wir brauchen engagierte junge Leute mit gesundem Menschenverstand, die ihre Fähigkeiten und Kenntnisse hier weiterentwickeln. Der Maschinenbauingenieur, der frisch von der Uni kommt, weiß ja nicht, wie man ein Garagentor baut.«

Doch auch der Azubi wird etwa über das firmeneigene Programm »Mehr Ausbildung« mit Zusatzveranstaltungen, die fachlich ebenso wie persönlichkeits- und allgemeinbildend angelegt sind, vom Besuch bei Lieferanten bis zum Englischkurs reichen, weitergebildet.

Hörmann arbeitet mit Azubis Unterrichtsstoff nach

In die allgemeinen Klagen über fehlendes Wissen und Ausbildungsreife kann Martin Hörmann nicht einstimmen: »Wir müssen einfach unsere Sichtweise ändern.« Aber offenbar auch selbst in Bildung investieren: Hörmann beschäftigt einmal pro Woche einen Lehrer vom Ratsgymnasium Bielefeld, der mit den Azubis Unterrichtsstoff in Geschichte, Politik und selbst in Literatur aufarbeitet.

Früh anfangen mit der Mitarbeiter-Werbung – das scheint ein Schlüssel zu sein: Hörmann lädt Klassen in die Firma ein und schickt seine Azubis im Rahmen des IHK-Projekts »Ausbildungsbotschafter« in die Schulen. Ein Problem laut Hörmann ist indes, dass die Azubis immer jünger werden. Eintägige Berufsfelderkundungen von Achtklässlern etwa hält er für wenig ertragreich. Und manche Firma im ländlichen Bereich mit fehlender Verkehrsanbindung ist für unter 18-Jährige schlicht nicht erreichbar.

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