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Kabarettist Michael Sens bringt Beethoven in Steinhagen ein „unerhörtes“ Geburtstagsständchen

Strafstoß für Plagiate

Steinhagen (WB). Michael Sens tut alles für seine „Publikae“, oder heißt es doch „Publikumse“? Eigens für Auftritte in Pandemiezeiten hat der Musikkabarettist sich ein konsonantenarmes Corona-Vokabular antrainiert, das die Viruslast bei Sprechdurchfall senken soll. Bei seinem Auftritt im Rahmen der Steinhagener Kulturtage konnte der 57-Jährige zwar nicht nachweislich die Aerosolmenge in der Schulzentrumsaula verringern mit seiner nur noch aus Vokalen und Nasallauten bestehenden neuen Sprache, dafür aber die Laune der mehr als 100 Zuschauer umgehend steigern.

Kerstin Panhorst

Am Klavier zeitweilig ganz im Udo-Jürgens-Style: Michael Sens beweist Spielfreude auch jenseits seines Hauptakteurs Beethoven und adaptiert munter durch alle Genres. Foto: Kerstin Panhorst

Sprachgewandtheit, Humor und musikalische Virtuosität paart Michael Sens in seinem Programm „Unerhört Beethoven“ rund um den 250. Geburtstag des großen Komponisten. Dafür hat er sogar Beethovens verschollenes Tagebuch ausgegraben, in dem sich Einträge finden wie „Habe heute Wagner getroffen, ein talentierter Hobbykomponist – aber seine Pizza ist unschlagbar“.

Sens will in Steinhagen bleiben – wenn das Geld stimmt

Eine Anekdote über Beethoven, der einst die Stadt Wien verlassen wollte, aber von der kulturellen Elite mit einem Verweilhonorar zum Bleiben gebracht wurde, nutzt Sens gleich für eine Bewerbung: „Mir gefällt Steinhagen recht gut, sie können ja mal ihren Kulturetat diskutieren – wenn es passt, lass ich mich hier nieder“.

Gründe, ihn als „Artist in Residence“ zu engagieren, liefert der Sänger und Instrumentalist genug. An der Geige lässt er seinen inneren David Garrett hinaus und am Flügel erinnert sein Timbre zeitweise an Udo Jürgens. Neben mitleidigen Texten für unfreiwillig von ihren Ehefrauen ins Kabarett mitgebrachte Männer verwandelt Sens auch noch den Falco- Hit „Amadeus“ in eine Frage der Körperhygiene („Ham wa Deo?“).

Sens komponiert auch selbst, unter anderem humoristische Kunstlieder über die geschmacklichen Vorteile von zu Weihnachten verschenkten Pferden, haushaltsübliche Beziehungsstreitigkeiten („Mutter, wohin jetzt mit der Leiche?“) oder ländliche Idylle: „Steht im Januar das Korn ist es wohl vergessen wordn“.

Mit Plagiaten aufgewachsen

Der Berliner ist schon als Kind mit Plagiaten aufgewachsen dank der Nationalhymne der DDR, bei der sich Hanns Eisler großzügig bei „Goodbye Johnny“ bediente: „Wir Ossis mussten sogar gebrauchte Melodien auftragen“. Auch Peter Maffays Tabaluga-Hit „Ich wollte nie erwachsen sein„ klingt verdächtig nach Bachs Präludium, das aber vorher ohnehin schon Gounod für sein „Ave Maria“ adaptiert hatte, wie Sens eindrucksvoll am Flügel beweist.

Auf dem untermalt er mit passenden klassischen Werken auch seinen grandiosen Radiokommentar zu einem himmlischen Fußballspiel. Edvard Grieg führt darin seinen Strafstoß mit 7/8tel Schritten aus, Strauss und Liszt warten sehnsüchtig auf den Trikottausch und Beethoven sieht – jähzornig und taub wie er ist – die Gelbe Karte. Die sieht Michael Sens nicht, im Gegenteil: das Steinhagener Publikum fordert am Ende sogar begeistert eine Zugabe.

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