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Dritte Verhandlungsrunde zur Zukunft des Steinhagener Schaeffler-Werks – Betriebsrat mit klaren Erwartungen

„Veränderung ja, Ausbluten nein“

Steinhagen

162 Stellen von insgesamt 400 im Steinhagener Schaeffler-Werk sind akut von Kündigung bedroht. Die dritte Verhandlungsrunde zur Zukunft des Standortes am Mittwoch hat „in einigen Punkten eine Annäherung gebracht“, wie Betriebsratsvorsitzender Jörg Schütze am Abend sagte: „Wir haben weitere Gespräche vereinbart.“ Die nächsten am 9. März.

Annemarie Bluhm-Weinhold

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„Veränderung ja, Ausbluten nein“, sagte Jörg Schütze. Mit deutlich formulierten Zielen war der Betriebsrat in die Verhandlungen gegangen: „Wir erwarten Bewegung auf der Arbeitgeberseite.“ Vom Sparkurs und dem drastischen Personalabbau abzurücken, stattdessen neue Technologien und Produkte zu etablieren, fordert der Betriebsrat. Die Pandemie verschärft das strukturelle Problem der durch die schwächelnde Autoindustrie wegbrechenden Absatzmärkte für Gelenklager und Synchronisationselemente, die aber auch im Wasserbau, im Gebäudebau, bei Windkraftanlagen und im Maschinenbau gebraucht werden.

Der Gesamtbetriebsrat hat indes eine Beraterfirma, das Info-Instituts in Saarbrücken, mit der Erstellung von Konzepten zur Neuausrichtung beauftragt. Für alle Werke. Denn Steinhagen steht keineswegs allein im Fokus der Unternehmensleitung. Aber deutlich ist nach Auskunft des Gesamtbetriebsrates Salvatore Vicari eine offensichtliche Konzentration auf die Werke in NRW: „In Wuppertal soll die Belegschaft von 700 auf 25 reduziert werden“, sagt er: „Das kann nicht das Signal eines global tätigen Unternehmens an das Land Nordrhein-Westfalen sein“, sagt er und weist „auf eine unternehmerische Verpflichtung, der Region eine Perspektive zu geben“ hin.

Seit zwei Jahren schwebt das „Damoklesschwert des Jobabbaus“, wie Betriebsratsvorsitzender Jörg Schütze sagte, über dem Steinhagener Werk. Umso erstaunlicher, wie hochmotiviert und hochinnovativ die Kollegen dennoch seien, sagte er: „Auf solche Mitarbeiter sollte Schaeffler stolz sein“, so Salvatore Vicari: „Die Geschlossenheit ist beeindruckend.“

Am Mittwochmorgen hatte er bereits an einer außerordentlichen Betriebsversammlung teilgenommen, zu der der Betriebsrat um Jörg Schütze etwa 100 Beschäftigte auf dem weitläufigen Gelände unter freiem Himmel zusammengetrommelt hatten. „Die Bänder standen still“, freute er sich über die gute Resonanz. Er berichtete kurz über die vorangegangenen Verhandlungen und gab einen Ausblick auf die bevorstehende Runde, die am späten Vormittag begann.

Dazu waren neben dem Gesamt-Betriebsrat Vicari auch die Konzernspitze aus Herzogenaurach angereist mit dem Leiter Industrie Europa und dem Leiter Getriebesysteme sowie der Personalleiterin Deutschland. Auch die Steinhagener Personalleiterin, die Rechtsanwältin des Betriebsrates Katharina Warczinski sowie Jörg Schütze und sein Stellvertreter Andreas Heil saßen mit am Verhandlungstisch. Weitere Teilnehmer waren online zugeschaltet. „Wir hatten darauf bestanden, dass die Verhandlungen in Steinhagen stattfinden“, so Schütze. Nicht dabei war dem Vernehmen nach der Steinhagener Werksleiter Thomas Lange.

Dabei geht es um weite Teile des Standorts. Der Betriebsrat befürchtet ein Sterben auf Raten. Schaeffler stecke in einem starken Strukturwandel: „Aber die deutschen Standorte fordern Perspektiven. Schaeffler muss seine Hausaufgaben machen und Alternativen aufzeigen, damit Herausforderungen nicht als Gefahren, sondern als Chancen wahrgenommen werden“, so Vicari. Am Standort Steinhagen sei die Kombination der Sparten Automotive und Industrie außergewöhnlich: „Hier sind Knowhow und Kernkompetenzen vorhanden“, sieht Vicari viel Potenzial für die Einführung neuer Technologien. „Die Maßnahmen die wir vorschlagen, führen vielleicht nicht gleich zu einem Berg von Aufträgen, aber sie weisen über das Jahr 2021 weit hinaus.“, so Schütze. Doch von Arbeitgeberseite erfahre er bisher nur Ablehnung: „Wir wollten eine Ausbildungswerkstatt einrichten, die überbetrieblich arbeitet. Von einer Ausbildungswerkstatt in Herzogenaurach haben wir hier nichts.“

Schütze und Vicari kritisieren das zentralistische Denken der Konzernspitze: „So kann man nicht die Herausforderungen der Zukunft lösen. Dazu braucht man die vielen kleinen reaktionsschnellen Standorte. Das war früher unsere Stärke. Da ging es um technische Lösungen. Wir haben uns mit Kreativität in Szene gesetzt. Heute zählt nur noch die Betriebswirtschaft“, so Vicari. Und Schütze fordert: „Man muss uns eine Chance geben, uns zu verändern.“

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