1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Steinhagen
  6. >
  7. „Volksnah und heimatliebend“

  8. >

Klaus Besser geht nach 26 Jahren als Bürgermeister in den Ruhestand – ein Interview

„Volksnah und heimatliebend“

Steinhagen  (WB). 59, 65, 74 und 84 – das sind Zahlen, die für eine beispiellose Erfolgsbilanz stehen. Denn das sind die Prozentzahlen, mit denen Klaus Besser viermal als Steinhagener Bürgermeister wiedergewählt worden ist. Nach 26 Jahren im Amt geht der 60-Jährige jetzt in den Ruhestand. Als volksnahen und heimatliebenden Bürgermeister – so beschreibt er sich auch selbst im Interview mit WB-Redakteurin Annemarie Bluhm-Weinhold.

Bürgermeister Klaus Besser auf dem Sprung in den Ruhestand: Der Schreibtisch und die Schränke sind schon auf- und ausgeräumt, nur die Igel-Sammlung, deren Ursprung aus dem ersten Wahlkampf stammt, ist noch da. Fotos Bluhm-Weinhold/Loose Foto:

Das Rathaus ohne Klaus Besser – unvorstellbar. Eine ganze Generation Steinhagener kennt gar keinen anderen Bürgermeister. Können Sie sich das schon vorstellen?

Klaus Besser: So richtig offen gestanden auch noch nicht. Wenn ich jetzt morgens mit meiner Frau zur Arbeit fahre, dann in dem Bewusstsein, dass ich das nächste Woche schon nicht mehr machen werde. Das ist schon wirklich gewöhnungsbedürftig. Ich glaube, da werde ich einige Tage oder Wochen brauchen, bis ich das realisiert habe.

Ist jeder Tag auch ein bisschen Abschied nehmen?

Besser: Das ist so. Ich habe schon meinen Schreibtisch und meine Schränke aufgeräumt, finde dabei natürlich auch alte Vorgänge. Und ein bisschen Wehmut ist auch dabei.

Alte Vorgänge? Zum Beispiel?

Besser: Vermerke und Notizen, die ich mir mal gemacht habe, bis hin zu Telefonnummern und Kontaktdaten, die sich teilweise auch erledigt haben.

Was liegt in den letzten Tagen überhaupt noch an?

Besser: Es gibt einige Abschiedsbesuche, die noch anstehen, und Besprechungen. Dann habe ich regelmäßige Termine mit Sarah Süß, um sie bei Vorgängen, die über meine Amtszeit hinausgehen, schon mitzunehmen und sie zu informieren. Und damit bin ich eigentlich noch ganz gut ausgelastet.

Sie haben sich schriftlich von allen Weggefährten verabschiedet. Warum hatten Sie keine Feier geplant?

Besser: Mir war von vornherein klar, dass eine klassische große Abschiedsfeier unter der Corona-Schutzverordnung nicht möglich sein würde. Und deshalb habe ich mich entschieden, alle anzuschreiben und um Verständnis zu bitten. Es soll sich auch keiner anstecken bei meiner Verabschiedung.

Was werden Sie denn vermissen?

Besser: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier im Hause, das tägliche Gespräch mit ihnen. Das werde ich schon vermissen.

Was werden sie nicht vermissen?

Besser: Meinen Terminkalender, der immer gut gefüllt ist mit vielen Terminen, auch abends und am Wochenende. Ich freue mich darauf, dass ich da frei sein kann und nicht mehr vom Terminkalender diktiert werde.

Was waren die größten Projekte in Ihrer Amtszeit?

Besser: Da fallen mir spontan zwei ein. Einmal der Bau des Steinhagener Gymnasiums mit dem Genehmigungsantrag, der Planungsphase und Bauphase und der ersten Erweiterung. Jetzt werden in den Haushalt für 2021 Planungskosten für die zweite Erweiterung vor dem Hintergrund der Wiedereinführung von G9 gestellt. Das zweite Projekt, das mir einfällt, ist natürlich die zweite Steinhagener Ortskernsanierung. Diese hat mich eigentlich die ganze Amtszeit über begleitet – mit ersten Diskussionen, dem Arbeitskreis Ortskern zu Dingen, die man verändern und verbessern konnte, mit der Verabschiedung des Integrierten Handlungskonzepts 2011. Und jetzt sind die meisten Maßnahmen umgesetzt worden. Es fehlen eigentlich nur noch die Alte Kirchstraße und der Alte Friedhof.

Was glauben Sie der Gemeinde zu hinterlassen? Womit wird man Sie in Verbindung bringen?

Besser: Man wird mich sicherlich mit einem sehr bürgernahen, volkstümlichen, volksnahen Bürgermeister in Verbindung bringen, der heimatliebend ist. Sicherlich auch mit dem einen oder anderen Bauprojekt, das in der Zeit gelaufen ist.

Wie wird die Amtsübergabe ablaufen? Werden Sie am 2. November Sarah Süß den Schlüssel in die Hand drücken?

Besser: Keine theatralische Schlüsselübergabe oder ein Zeremoniell. Ich bin da sehr pragmatisch. Ich lasse am 30. Oktober meinen Schlüssel, die Schalte für die Alarmanlage und mein Diensthandy hier, und sie wird das am Montag übernehmen.

Apropos Corona: Die Pandemie hat sie seit dem Frühjahr noch einmal vor besondere Herausforderungen gestellt, auch an Ihre Grenzen gebracht. Wie prägend war das? Wieviel Zeit und Kraft hat das gekostet?

Besser: Das hat im März und April die Arbeitszeit maßgeblich beeinflusst. Vor allem im März, als alles neu war und man sich auf diese Situation einstellen musste. Das hat mir auch Sorgen bereitet. Die schlaflosen Nächte sind nicht von ungefähr gekommen, sondern aus der Sorge, wie sich das in der Bevölkerung auswirkt, wie viele Erkrankungsfälle wir haben werden in Steinhagen. Die Sorge, dass ich mich selbst anstecke, hatte ich eigentlich nicht, weil ich aufpasse, aber die Sorge um die Bewohnerinnen und Bewohner, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rathaus. Auch die Wirtschaft war ein großes Thema: Kommt es zu Kurzarbeit, Insolvenzen, Gewerbesteuerertragseinbrüchen? Die halten sich glücklicherweise in Grenzen ebenso wie die Auswirkungen auf die Wirtschaft in Steinhagen. Manche der Befürchtungen, die man im März hatte, haben sich nicht bewahrheitet. Andere sind leider eingetreten. Immerhin sind acht Steinhagener an dem Coronavirus gestorben. Das ist die höchste Zahl im Kreis Gütersloh.

Corona eine große Herausforderung, eine andere war die Auseinandersetzung um die Ansiedlung von Wahl&Co., wo Sie mit Ihrer Partei, der SPD, nicht einig waren. Sie haben damals angefangen mit der Finanzkrise, ausgelöst durch Balsam. Es waren ja einige harte Brocken wegzuräumen...

Besser: Dann fällt mir auch noch die große Zuwanderungswelle 2015/2016 ein. Gerade die vergangene Wahlperiode war gespickt mit solchen außergewöhnlichen Ereignissen. 2016 das Bürgerbegehren zu Wahl&Co., jetzt aktuell die Corona-Krise.

Ich muss noch mal an einer anderen Stelle den Finger in die Wunde legen: die A33. Sie haben immer von einer Zerschneidung Ihrer Heimatgemeinde gesprochen, haben nicht am Ersten Spatenstich teilgenommen, wohl aber an der Eröffnung in Künsebeck...

Besser: Das hatte ich mir lange überlegt, und ich habe da aber auch kritische Worte gefunden in Künsebeck, weil ich nicht nur eine Jubelveranstaltung, sondern das auch kritisch kommentieren wollte. Das ist so ein bisschen Lebensschicksal: Die A33 hat mich mein ganzes Leben begleitet. Schon als Kind habe ich die Diskussion in der Familie wahrgenommen, als 17-Jähriger habe ich Einwendungen zum Flächennutzungsplan zum Trassenverlauf gemacht. Nun wollte es das Schicksal, dass sie während meiner Amtszeit gebaut worden ist.

Auch als Bürgermeister haben Sie sie nicht verhindern können?

Besser: Nein, auch als Bürgermeister habe ich sie nicht verhindern können. Und sie wird mich weiter begleiten. Ich werde in Steinhagen wohnen bleiben, ich werde sie hören, sehen und riechen.

Jetzt kommt ein neuer Lebensabschnitt. Sie sind am 1. Oktober Großvater geworden von der kleinen Emilia. Das ist eine Perspektive für den Bürgermeister a.D.. Sie haben auch mal von einer Wohnzimmerrenovierung gesprochen. Aber irgendwas muss danach ja auch noch kommen. Welche Projekte nimmt man sich vor?

Besser: Keine besonderen Projekte, sondern ich werde mich wirklich ins Privatleben zurückziehen. Einige Renovierungen außer dem Wohnzimmer stehen im Haus an. Auch die Badezimmer wollen wir barrierefrei und altersgerecht gestalten. Ich habe einen großen Garten, wo ich gerne bin. Und wenn mir gar nichts mehr einfällt, fahre ich zu meiner Tochter und mache einen Spaziergang mit dem Enkelkind.

Wird man Sie im Ort sehen? Zum Beispiel bei einer Großveranstaltung, wenn es mal wieder eine gibt?

Besser: Ja natürlich. Wenn es mal wieder Kirmes, Weihnachtsmarkt oder Heidefest gibt, bin ich da, und ich kann mir auch vorstellen, beim Weihnachtsmarkt nicht nur vor einem Stand, sondern auch in einem Stand zu stehen und Glühwein auszuschenken oder ein Bier zu zapfen.

Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin? Auch 26 Jahre oder länger im Amt?

Besser: Das wünsche ich nicht nur meiner Nachfolgerin, das wünsche ich auch der Gemeinde, weil ich glaube, dass eine gewisse Kontinuität der Gemeinde gut tut. Ich bin ja der dritte Bürgermeister der Gemeinde seit 1962. Und Sarah Süß hat wirklich die Perspektive, für längere Zeit das Amt bekleiden zu können.

Startseite