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Lesung mit Denis Scheck gut besucht

Von Hemingwaybis Hypatia

Steinhagen  (WB). Sein Unterfangen, eine Liste der weltweit besten Bücher aller Zeiten präsentieren zu wollen, sei schier „größenwahnsinnig“. Das sagt Denis Scheck selbst über seinen Kanon der Weltliteratur . Doch der Literaturkritiker ist gerne größenwahnsinnig, wenn es um gedruckte Worte geht. Und deshalb hat er 100 Bücher zusammengestellt, die seiner Sicht nach lesenswert sind.

Kerstin Panhorst

Denis Scheck stellt in Steinhagen seinen Kanon vor, der keine Liste von Pflichtlektüren, sondern eine Sammlung von Leselust auslösenden Vorschlägen sein soll. Foto: Kerstin Panhorst

Anlässlich der Semestereröffnung der VHS-Ravensberg erklärte der 55-Jährige nun den mehr als 120 Besuchern im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Steinhagen, welche Werke auf seiner Liste zu finden sind und wie er sie zusammengestellt hat. „Für mich sind Bücher so etwas wie die in den Kuchen eingebackene Feile, ein Ausbruchswerkzeug um dem schnöden Alltag zu entfliehen“, sagt Scheck, „Lesen ist immer eskapistisch“.

Das Mittel zur Flucht lässt sich dabei aber nicht eingrenzen, weswegen der Moderator der Fernsehsendungen “Lesenswert “im SWR und “Druckfrisch” in der ARD auch keine Grenzen kennt. In seinem „wilden Kanon“ gibt es keine Beschränkungen durch Genre, Gattung, Sprache oder Epoche. Kinder- und Jugendbücher finden in ihm ebenso wie Fantasy neben Comics und bereits anerkannten Klassikern ihren Platz. „Zur Weltliteratur gehört für mich nur dann ein Werk, wenn es meinen Blick auf die Welt nachhaltig verändert“, erklärt der Autor.

Kafka kann auch humorvoll und selbstironisch sein

Bei seiner Lesung in Steinhagen stellte der Literaturkritiker eine kleine Auswahl vor und machte Lust auf mehr. Darunter das absolute „Heilmittel gegen Liebeskummer“, Jane Austens „Stolz und Vorurteil“, in dem Beziehungsanalysen auf „Immobilienpornos“ träfen. Oder auch die Tagebücher Franz Kafkas, die den Schriftsteller im Gegensatz zu gängigen Klischeedarstellungen als humorvoll und selbstironisch zeigen, als „Meister der überraschenden Perspektivwechsel“.

Auch der oft für sein Machotum und seinen Pathos kritisierte Ernest Hemingway ist im Kanon, mit der nur 48 Seiten langen Geschichte „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“, die laut Scheck „eine ganze Bibliothek aufwiegt“ und von Liebe, Schönheit und Tod erzählt. „Geistesgegenwart, Esprit und eine spitze Zunge“ bescheinigt der Literaturkritiker unterdessen Dorothy Parker, die in ihren Gedichten gegen die Borniertheit und den Rassismus der weißen Mittelschicht anschreibt und das Denken in Ambiguitäten perfektioniert.

Hypathia steht für alle, die mundtot gemacht wurden

Das letzte Kapitel in seinem Buch hat Scheck einer Frau gewidmet, die nie ein Wort publiziert hat: Hypatia. Die von einem fanatischen christlichen Mob gelynchte griechische Philosophin und Wissenschaftlerin der Spätantike steht stellvertretend für die großen, originellen Denker, die keine Stimme haben. Sie ist für ihn ein Symbol, eine Platzhalterin für alle die, „die im Schatten stehen, die von der Obrigkeit mundtot gemacht wurden, deren Nachruhm im Keim erstickt wurde“.

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