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Historiker schildert im NS-Buch die Konfrontation in Steinhagen mit der Bekennenden Kirche

Wie der Pfarrer Widerstand leistete

Steinhagen (WB). Wie sehr die Nazis in alle Lebensbereiche eindrangen, das wird insbesondere am Beispiel der evangelischen Kirche deutlich. Wie sich das vor Ort abspielte, das beschreibt der Bielefelder Historiker Dr. Jürgen Büschenfeld in seinem Buch »Steinhagen im Nationalsozialismus«.

Annemarie Bluhm-Weinhold

Otto Maschke (1902-1965) war von 1930 an Pfarrer in Steinhagen und Anhänger der Bekennenden Kirche – wie die meisten Steinhagener. Foto: Sammlung Martin Maschke

»Der Konflikt zwischen den Deutschen Christen und der Bekennenden Kirche spielte auch in den Gemeinden Steinhagen, Amshausen und Brockhagen eine nicht unerhebliche Rolle. Die evangelische Kirche stand unter Beobachtung«, schreibt Büschenfeld und schildert einen »völlig absurden Fall«: Zwei Schüler nämlich hatten den Steinhagener Gemeindepfarrer Otto Maschke angezeigt, weil er statt »Heil Hitler« nur »Heil« gegrüßt haben soll.

Als geradezu skandalös wertet Büschenfeld, dass der Amtsbürgermeister Meyer zu Hoberge über diesen völlig nichtigen Vorgang sogar dem Landrat berichtet habe. Letztlich wurde die Anzeige verworfen, aber der Fall zeige, so Büschenfeld, dass schon 1933/34 der Denunziation Tür und Tor geöffnet war und sich niemand sicher sein konnte, ob eine unbedachte Äußerung nicht schlimme Folgen nach sich ziehen konnte.

Offenheit zur Bekennenden Kirche war in Steinhagen schon vorhanden

Otto Maschke, als 28-jähriger junger Pfarrer 1930 nach Steinhagen gekommen, war erklärter Anhänger der Bekennenden Kirche. Und er traf hier offenbar auf Kreise, die seine Haltung teilten, wie sein Sohn Martin Maschke schildert: »Die Offenheit zur Bekennenden Kirche war vorhanden. Denn als junger Pfarrer kann man nicht in wenigen Jahren eine kritische Gemeinde entwickeln.«

Pfarrer Maschke nahm im Frühjahr 1934 an der Bekennenden Synode in Wuppertal-Barmen teil, die sein Lehrer und Mentor Karl Barth mitorganisiert hatte. Deren Ergebnis war die »Barmer Theologische Erklärung«, die Jesus Christus als einzigen Glaubensgrund der Kirche anerkannte und sich gegen das Führerprinzip wandte, auf das auch die Pfarrer verpflichtet werden sollten.

Die Deutschen Christen hingegen, so Jürgen Büschenfeld jüngst bei seinem Vortrag in Steinhagen, hätten versucht, den evangelischen Glauben ohne das Alte Testament zu denken: »Für die Chefideologen der NSDAP waren das alles jüdische Zuhältergeschichten.« In den Gemeinden Steinhagen, Brockhagen und Amshausen hatten sie damit, so Büschenfeld, keinen Erfolg.

Partei und Staat zweifelten Rechtmäßigkeit der Kollekte an

Laut Jürgen Büschenfeld standen die meisten auf der Seite der Bekennenden Kirche. Dazu zitiert der Historiker den Bericht des Amtsbürgermeisters über das Ergebnis einer Versammlung am 11. April 1934 in Brockhagen, zu der Pfarrer Maschke eingeladen hatte und die den »Aufbruch der Bekennenden Kirche« unterstreichen sollte: Mehr als 95 Prozent der Einwohner hätten sich laut Meyer zu Hoberge in die einer längeren Stellungnahme angefügten Listen eingetragen. »Das Volk auf dem Lande halte am biblischen Glauben fest«, zitiert Büschenfeld aus der Akte. Indes: »Spätestens ab 1936/37 gingen Partei und Staat mit zunehmender Härte gegen die Bekennende Kirche vor«, so Büschenfeld. So wurde die Rechtmäßigkeit der Kollekte angezweifelt.

Regimekritische Grundhaltung im Pfarrhaus

Und im täglichen Leben? Martin Maschke, 1933 geboren, erinnert sich an eine regimekritische Grundhaltung im Pfarrhaus, die selbst dem kleinen Jungen etwa in den Gesprächen der sich im Pfarrhaus versammelnden Gruppen bewusst wurde. Er weiß aber auch von Briefen, die Gemeindeglieder, die gläubig auf den Führer schauten, ihrem Pfarrer schrieben. Und er weiß, dass sein Vater nach der Barmer Synode die Mitgliedschaft als Motorsportler im Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK) verlor.

Die seelsorgerische Betreuung der Häftlinge im Straflager auf dem Ströhen hat man ihm 1934 laut Martin Maschke kurz vor Vertragsunterzeichnung noch entzogen und sie dem Brockhagener Pfarrer Kley gegeben.

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