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Inventarisierung im Historischen Museum Steinhagen ist zugleich spannender Blick in die Zukunft

Wie die Kruke in den Computer kommt

Steinhagen  (WB). Sind es 10.000? Oder sogar 100.000? Wie viele Exponate das Historische Museum Steinhagen zählt, das kann Vorsitzender Erhard Glösenkamp nicht einmal ungefähr sagen. In spätestens zwei Jahren aber wird er es ganz genau wissen. Und bis dahin haben er und sein Team auch eine konkrete Vorstellung davon, welche (weiteren) Schwerpunkte sie entwickeln wollen, um das Museum in die Zukunft zu bringen. Der Schlüssel dazu: Inventarisierung, also die elektronische Erfassung aller Museumsstücke.

Annemarie Bluhm-Weinhold

Vorsitzender Erhard Glösenkamp mit einer prächtigen Bibel von 1892. Der Historismus lässt grüßen, wie Beschläge und Schließe zeigen. Das Team räumt diesem Exponat wie auch weiteren Prachtbibeln einen ständigen Platz in der Ausstellung ein. Foto: Bluhm-Weinhold

Hört sich furchtbar technisch an? Ist es auch. Aber es ist auch ganz schön spannend. Denn der neue Vorsitzende räumt mit dem erweiterten Vorstand das Museum dabei gründlich auf. „Wir wollen nicht alles auf Links ziehen“, sagt er. Seinen Markenkern, den Steinhäger, wird es nicht verlieren: Von der Ausstellung der der Destillen, Herstellungsanlagen, Kruken und dem Verkauf selbsthergestellter hochprozentiger Spezialitäten lebt das Museum schließlich. Aber was gibt es da noch? Das Lager ist voll. Und das ist das Problem. „Wir müssen erst einmal feststellen, was wir alles haben. Wir brauchen eine Systematik“, so Glösenkamp.

Wertvolle Stücke gefunden

Beim Sortieren finden sich zum Teil wertvolle Stücke wie einige prächtige Bibeln, die vor Jahren Teil einer Ausstellung waren, nunmehr aber ein Schattendasein im Lager führten. Für sie, weitere Stücke wie den goldenen Wetterhahn und Fotos wird nun in Ausstellungsraum in der ersten Etage zwischen der „Steinhagener Apotheke“ und „Tante Paulas Laden“ als sakrosankten Polen des Museums eine „Kirchenecke“ geschaffen, die mehr zu bieten hat als die Geschichte der Dorfkirche: „Auch Brockhagen haben wir nicht vergessen.“

Im Lager liegen aber auch viele, allzu viele Dinge, die es mindestens zu überprüfen gilt: Brauchen wir all die Schnapspinnchen? Die ohne Werbung fliegen raus, die mit Werbeaufschrift werden im wahrsten Sinne des Wortes „ausgezählt“. Was zuviel ist, ist zu viel.

Der Rest wird nun elektronisch erfasst. Versuche zur Inventarisierung, vorangetrieben von Dorothea Kern und anderen, gibt es bereit seit längerem: „Aber manuell kann man das gar nicht leisten“, sagt Erhard Glösenkamp. Jetzt hat das Museum ein Computerprogramm angeschafft: „KAI“, die Abkürzung für „Kann Alles Inventarisieren“. Kein Witz: „Es ist eigentlich für Kommunalverwaltungen zur Erfassung von Akten gedacht. Doch es ist weit verbreitet, hat einen hohen Standard und ist in hohem Maße selbsterklärend“, so Glösenkamp, Dipl. Betriebswirt i.R., viele Jahre in der Unternehmensberatung für Softewarelösungen für den Mittelstand tätig – ein Mann also mit einer gewissen Nähe zu Systematik und EDV.

Jedes Exponat bekommt eine Nummer

„Ich habe als Vorsitzender die Inventarisierung angestoßen, aber am allerwenigsten damit zu tun. Die Fleißarbeit machen andere: der erweiterte Vorstand, etwa zehn Leute“, so Glösenkamp. Mit Akribie nehmen sie jedes einzelne Stück zu Hand und fügen es nach den Ordnungskriterien des Systems in ihre Inventarliste. Ordnungskriterien sind der Raum und der Platz im Raum. Der bestimmt die Nummer des Inventarstücks, das sich dank des Systems auch verfolgen lässt, selbst wenn es einmal ausgeliehen wird. Festgelegt hat das Museumsteam fünf Schwerpunkte: 1. Steinhäger, 2. Historische Entwicklung der Kommune, 3. Brauchtum, 4. Entwicklung im 21. Jahrhundert („wir wollen auch in die Zukunft blicken“) und 5. Spezifika. Darunter fallen etwa Tante Paulas Laden und die Steinhagener Apotheke.

Das Inventarstück mit der Nummer 1 ist, weil es an zentraler Stelle hängt, das bekannte Bild „Das westfälische Frühstück“, „Originalschinkenbild“ genannt. Auch eine Beschreibung ist anfügt: „Öl auf Leinwand, Westfälisches Frühstück im 19. Jahrhundert in dieser Region eine typische Mahlzeit wohlhabender Bauern; Johanna König (geb. 27.5.1882, gest. 1.2.1969) malte mit 19 Jahren dieses Bild, war die Tochter von Hermann-Heinrich-Christoph König.“

Fotos könnten zudem angehängt oder verlinkt werden. Ist das schon ein erster Schritt zu einer auch virtuellen Ausstellung? Vielleicht. Vor allem aber ist die genaue Erfassung ein Impuls, parallel die Entwicklung des Museums in den Blick zu nehmen: „Wohin wollen wir? Wir sind da sehr offen,“ so der Vorsitzende. Am Steinhäger wird festgehalten, aber das Identitätsstiftende soll weiter herausgestrichen werden – um alle Generationen für dieses Stück Historie zu begeistern.

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