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Starke Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg – Verlerin Helga Lehmann blickt zurück

Eine Ausstellung als Verneigung

Verl (WB) Not macht erfinderisch. Eine Floskel, die heute eher gedankenlos genutzt wird. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg waren aber gerade die Frauen in ihrer realen Not erfinderisch und entwickelten Strategien, um ihr Leben zu meistern. Die beeindruckende Ausstellung »40 Frauen – Das Überleben organisieren« wurde nun eröffnet. Mit dabei war auch die Zeitzeugin Helga Lehmann aus Verl.

Andreas Berenbrinker

Rücken die Stärke der Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt: Die Gleichstellungsbeauftragte Sabine Heethey (links) sowie Regina Bogdanow vom Heimatverein (rechts) freuen sich über den Besuch von Helga Lehmann (Zweite von rechts) sowie ihrer Tochter Gabriele Essmann. Der 1998 verstorbene Mann von Helga Lehmann Walter war Sprengmeister von Beruf. Foto: Andreas Berenbrinker

Helga Lehmann wurde 1929 in Verl geboren und erinnert sich gut an den Zweiten Weltkrieg (1939 bis 1945). »Meine Mutter hat ein wahnsinnig gutes Gedächtnis und hat schon immer viel vom Krieg und der Zeit danach erzählt«, sagt Gabriele Essmann (56). Als Helga Lehmann vom Heimatverein angesprochen wurde, ob sie bei einem Projekt des Literaturzirkels OWL zum Thema Nachkriegszeit mitmachen wolle, war die Seniorin sofort dabei. »Ich weiß viel von der Zeit und möchte jüngeren Generationen etwas davon erzählen«, sagt sie.

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein Bombenangriff auf Gütersloh, den sie nur knapp überlebte. »Sie war verschüttet und ringsherum lagen tote Menschen, zwei tote Kinder hatte meine Mama noch im Arm«, sagt Tochter Gabriele Essmann. Ein Mann habe sie aus den Trümmern gezogen. Helga Lehmann: »Das war der Bäcker Willi Degener aus Gütersloh und er hat mir lange Zeit nach dem Krieg immer noch Brot und Brötchen gebracht.«

Helga Lehmann

In dem vom Literaturzirkel OWL herausgegebenen Buch zur Ausstellung erzählt auch die Verlerin von der Zeit nach dem Krieg. Zum Thema Hungersnot sagt sie: »Wir haben keinen Hunger gelitten. Mein Vater war bei den Bäckereien, den Molkereien und großen Höfen. Da hat er immer ein bisschen gekriegt.« Auch zum Thema Emanzipation kommt sie zur Wort. »Ich erinnere mich an einen Fall, der sich in Kaunitz abgespielt hat. Eine Frau war in den letzten Kriegsjahren von einem Russen geschwängert worden.« Als ihr Mann aus russischer Gefangenschaft zurückkehrte und sie vor die Wahl stellte, entschied die Frau sich für das Kind und gegen den Mann. »Das ist Mutterliebe«, wird Lehmann zitiert.

In der vom Heimatverein und der städtischen Gleichstellungsstelle organisierten Ausstellung kommen Frauen zu Wort und erzählen von ihren Erlebnissen. Dazu gibt es Anschauungsmaterial – Blusen aus Fallschirmseide, bestickter Stoff aus einer SA-Uniform, ein Durchschlag aus einem Stahlhelm oder ein Kleid aus dem Innenfutter einer Hakenkreuzfahne. Not machte erfinderisch.

»Die Leistungen der Frauen sind beeindruckend«, sagt die Gleichstellungsbeauftragte Sabine Heethey. Sie hätten das Überleben gesichert. Passende Worte fand auch Bürgermeister Michael Esken. »Dass es uns heute so gut geht, ist Frauen und Männern zu verdanken, die nach dem Krieg weitergemacht haben.« Er verneige sich vor der Nachkriegsgeneration.

Die Ausstellung läuft bis 29. Juli und ist mittwochs und sonntags von 15 bis 17.30 Uhr sowie nach Vereinbarung zu besichtigen.

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