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Förster berichtet in Verl von 6000-Kilometer-Wanderung

Verl (abb)

2021 hat Gerald Klamer alles stehen und liegen lassen und sich auf Wanderung durch deutsche Wälder gemacht. Jetzt war er in Verl zu Gast.

Während seines Vortrags im Droste-Haus hielt der Waldwanderer Gerald Klamer am Donnerstagabend ein Plädoyer für den deutschen Wald. Der Hesse wanderte im vergangenem Jahr 6000 Kilometer durch fast alle Bundesländer.

Verl (abb) - 32 Prozent der Landfläche in Deutschland bestehen aus Waldgebieten, was viel ist für ein Industrieland. Dennoch macht sich Gerald Klamer Sorgen um den Wald. Er möchte Menschen für die „grünen Lungen“ begeistern. Im Jahr 2021 wanderte der ehemalige Förster 6000 Kilometer durch deutsche Wälder. Von seinen Erlebnissen berichtete Klamer im Rahmen der Literaturtage im Droste-Haus.

Luftmatratze und Wetterplane statt gemütlichem Zelt

Für sein Projekt „Waldbegeisterung“ kündigte Gerald Klamer (55) seinen Job, verkaufte sein Auto und gab seine Wohnung auf. Start- und Zielpunkt seiner Wanderung war Marburg. Von dort aus legte Klamer jeden Tag 30 bis 40 Kilometer zurück, fast immer in Waldgebieten. 

Auch sein Nachtlager schlug der Wanderer größtenteils im Wald auf. „Wildes Zelten ist nur in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg erlaubt“, sagte Klamer. Daher musste er sich mit einer Luftmatratze und einem Schlafsack begnügen und eine Wetterplane als Regenschutz nutzen.

„Ganze Waldgebiete sind abgestorben“

Eine seiner ersten Stationen war das Rothaargebirge des Sauer- und Siegerlands. Auf eindringlichen Fotos zeigte Gerald Klamer auf, was dort in den Jahren 2018 bis 2020 geschehen ist. Klamer: „Wir hatten große Dürrejahre in Deutschland. Ganze Waldgebiete sind abgestorben.“ 

Diese Begebenheiten hätten eine massive Borkenkäferplage zur Folge gehabt. „Die Käfer legen ihre Eier zwischen Rinde und Stamm ab“, so Klamer. Nach dem Schlüpfen fräßen die Borkenkäfer die Leitungen zwischen Wurzel und Baumkrone und brächten den Baum so zum Absterben.

Forstmaschinen zerstören den Boden

In der Folge habe die Forstwirtschaft versucht, die befallenen Bäume aus den Wäldern zu schaffen. Gerald Klamer: „Das hat aber nicht funktioniert, weil es zu wenige Maschinen gab.“ Man sei so immer hintendran gewesen. Eine schwerwiegende Folge der Arbeiten sei die Zerstörung des Bodens durch das schwere Gerät gewesen. 

Durch die Reifen werde der Waldboden massiv zusammengepresst, die Poren verdichteten sich und könnten fortan kein Wasser mehr speichern. Außerdem seien durch die Arbeiten Bodenorganismen und auch Randbäume zerstört worden. Die überlebenden Bäume, im Sauer- und Siegerland größtenteils Fichten, hätten es schwer gehabt.

Ein Plädoyer für den Mischwald

„Das sind ja keine Steppenbäume“, sagte Gerald Klamer. Während seines Vortrags hielt Klamer ein Plädoyer für den Mischwald. Diesen könne man geplant pflanzen oder – noch besser – natürlich entstehen lassen. „Das mit dem Mischwald ist zwar ein alter Hut, aber gesehen habe ich nur zarte Ansätze“, sagte der Naturfreund aus Hessen.

An dieser Stelle erwähnte Klamer den Pfälzer Wald lobend. Eine Zeitlang habe man bei der Wiederaufforstung auf neue Baumarten wie Douglasien aus Nordamerika gesetzt. „Aber nun hat es auch der Pilz aus Amerika zu uns geschafft und macht den Bäumen das Leben schwer“, sagte Gerald Klamer.

„Weißtanne kann Wasser ziehen und hält Stürmen stand“

Die Bäume zeigten eine Vitalitätsschwäche. Deutschland sei eigentlich ein Buchenland, aber es gebe nur noch wenig alte Bestände. Ein „Hoffnungsbaum“ sei aber die Eiche. „Die kann gut mit Wärme und Trockenheit“, erläuterte Klamer. 

Und auch die Weißtanne sei mit ihrer tief in den Erdboden reichenden Wurzel gut in Dürrezeiten. Klamer: „Sie kann Wasser ziehen und hält Stürmen stand.“

Totholz: „Ein biologisches Paradies für Pflanzen und Tiere“

Einen richtigen Urwald gebe es in Deutschland nur noch auf sehr kleinen Flächen. Als Beispiele nannte der Wanderer Gebiete im Nationalpark Bayerischer Wald und im Nationalpark Hunsrück Hochwald. Dem Totholz kann Gerald Klamer viel Positives abgewinnen. „Das ist ein biologisches Paradies für Pflanzen und Tiere.“ 

Während seine Vortrags berichtete Gerald Klamer auch von seinen tierischen Begegnungen. In der Eifel sei er Wildkatzen begegnet. Auch Wildschweine habe er immer wieder gesehen. „Aber die haben mehr Angst vor Menschen als umgekehrt.“ Dazu habe er die Arbeit der Biber bewundert und auch Blindschleichen („Keine Schlangen, sondern Echsen ohne Beine“) beobachtet.

Warum nicht überall Windräder stehen sollten

Obwohl Gerald Klamer regenerative Energien wie die Windkraft wichtig findet, wünscht er sich, dass nicht auf jeder Anhöhe in Wäldern Windräder gebaut werden. „Wir müssen unseren Kindern auch in vielen Jahren noch zeigen können wie der ursprüngliche Wald aussieht“, gab der Waldwanderer ein Plädoyer für den deutschen Wald ab.

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