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Märchenabend im Droste-Haus mit Alexandra Kampmeier

Laut, gestenreich, romantisch

Verl (WB). Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Ufer eines Sees, die Füße im Wasser, vor Ihnen ein Sonnenuntergang wie aus dem Bilderbuch. Sie hören das Zirpen der Grillen, sehen Vögel vorbeiziehen und jemand flüstert leise eine Geschichte. Klingt wie ein Märchen? War es auch. Am Freitagabend im Droste-Haus.

Alexandra Wittke

Organisatorin, Mitwirkende und Erzählerin: (von links) Tanja Butterweck war für die Planung zuständig, Bernadette Schafmeister sorgte für Gaumenfreuden in der Pause und Alexandra Kampmeier gestaltete das Programm. Foto: Alexandra Wittke

Alexandra Kampmeier, so sagt sie selbst, arbeitet am effektivsten unter Zeitdruck. Die Geschichte der kleinen Meerjungfrau faszinierte sie schon immer. Keine Frage also, dass sie das Angebot, diese in ihrer so eigenen Erzählkunst neu zu interpretieren, nicht ausschlägt.

Premiere in Bad Segeberg

Eine Woche vor Abgabe muss die Erzählerin jedoch feststellen, die Geschichte ist im Grunde genommen »stinklangweilig«. »Ach du großer Gott, wie schrecklich ist das denn?«, ist dann auch ihr ernüchterndes Fazit. Der Rest ist schnell erzählt. Auf Kreta, ebenfalls mit den Füßen im Wasser stehend, kommen der gebürtigen Langenbergerin die ersten Bilder in den Kopf. Die Premiere in Bad Segeberg, stilecht und äußerst passend ebenfalls an einem See, wird ein Erfolg.

Im Droste-Haus stehen die gut 40 Zuhörer am Freitagabend nur gedanklich im Wasser, sind aber nicht weniger fasziniert vom Programm »Meer.Jung.Frau. Märchen von Andersen und anderen.« Fasziniert von der modernen Interpretation eines Klassikers und begeistert von der Erzählkunst von Alexandra Kampmeier.

Mal laut und gestenreich erzählend steht sie vorne am Kamin. Dann wird es wieder ruhiger, manchmal sogar romantisch besinnlich. Etwa, wenn die Großmutter der Meerjungfrau die Geschichte von den zwei Indianerinnen erzählt, die beide unsterblich in den Mond verliebt sind. Warum sind in der Milchstraße manchmal kleine und manchmal große Fußabdrücke zu erkennen? Eine Indianerin hat den Mond tatsächlich geheiratet und aus lauter Verzweiflung über ihre Einsamkeit während seiner Abwesenheit das für sie verbotene Lagerzelt betreten.

Kleinere Fußspuren in der Milchstraße

Hier lagert der Mond die Masken, die er während der unterschiedlichen Mondphasen nicht benötigt. Es kommt wie vermutet, der Mond ist zuerst sauer, dass seine Frau die von ihm erteilte Warnung ignoriert hat. Am Ende aber erkennt er, wie sehr seine Frau unter der fehlenden Aufgabe leidet und teilt sich fortan den Monddienst mit ihr. Kleinere Fußspuren in der Milchstraße sind also immer dann zu erkennen, wenn sie Dienst hat. Die größeren in der zweiten Mondphase hingegen stammen von ihm.

Alexandra Kampmeier gelingt mit ihrer Interpretation der Spagat zwischen Klassik und Moderne und schafft mit der Verflechtung einer vorhandenen Geschichte und dem eigenen Werk eine in sich stimmige Erzählung fernab von Buchseiten und einzelnen Zeilen. Ihre mitreißende Erzählkunst animiert nicht nur zum Zuhören, sie macht auch Lust auf mehr. Lust auf einen Sonnenuntergang am Meer etwa, mit den Füßen im Wasser stehend und mit einem Sonnenuntergang wie im Bilderbuch.

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