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Fabienne Gehrke (17) hat Sozialpraktikum in einem Krankenhaus in Uganda gemacht

Steißgeburt und Nilpferdbiss

Verl (WB). Freitagvormittags findet in der Notaufnahme des Krankenhauses immer ein Gottesdienst statt. Demjenigen, der als Notfall kommt, bleibt nichts anderes übrig, als mitzufeiern, zumindest wenn es sich nicht um einen wirklich ernsten, lebensbedrohlichen Notfall handelt.

Matthias Kleemann

Fabienne Gehrke mit dem Zwillingsbaby, das sie selbst auf die Welt holen durfte, eine Erfahrung, die sie hierzulande wohl so nicht hätte machen können. Foto:

Undenkbar? Nicht in Afrika, zumindest im Comboni-Hospital in Uganda, sieben Autostunden von der Hauptstadt Kampala entfernt. Fabienne Gehrke (17) aus Verl hat es selbst erlebt. Ende Mai/Anfang Juni, da war sie noch 16 Jahre alt, hat sie dort ein vierwöchiges Sozialpraktikum absolviert. Fabienne Gehrke besucht die Freie Waldorfschule in Friedrichsdorf. Dort muss jeder Schüler ein Sozialpraktikum vorweisen. Es in Afrika zu machen, ist jedoch auch für eine Waldorfschule ungewöhnlich.

Operationen beigewohnt

Vermittelt hat die Verler Ugandahilfe das Praktikum. Das Krankenhaus, das auf einem sieben Hektar großen Gelände in 13 Einzelhäusern unterbracht ist, wird von der Ugandahilfe unterstützt. Röntgen- und Ultraschallgerät, ein Zahnarztstuhl und vieles mehr wurden gespendet und versehen dort ihren Dienst.

Der Gottesdienst in der Notaufnahme ist nicht der einzige Unterschied zu einem Krankenhaus hierzulande, wo eine Praktikantin maximal bis vor die OP-Tür gekommen wäre. Im Comboni-Hospital war die junge Frau dagegen häufig bei Operationen anwesend, sei es das Entfernen von Abszessen, das Beschneiden (aus hygienischen Gründen) von Männern oder mehrere Kaiserschnitte.

Vorsichtig gezogen

Letzteres kam häufiger vor, denn Fabienne Gehrke war hauptsächlich auf der Entbindungsstation eingeteilt und durfte einmal sogar einem Zwillingsbaby auf die Welt helfen. »Das zweite Kind hatte eine Steißlage. Bei uns würde man in so einem Fall sofort einen Kaiserschnitt machen«, erzählt sie. Doch dort hieß es: »Vorsichtig ziehen. Das hat geklappt. Es war sicher einer der schönsten Momente meines Praktikums.«

Es gab auch die weniger schönen Momente, gleich am allerersten Tag. »Das war nicht so toll.« Fabienne Gehrke musste ohne große Vorwarnung eine Totgeburt miterleben. Das sei jedoch auch in dem ugandischen Hospital nicht der Regelfall, auch wenn es wohl häufiger als bei uns passiert. »Ich habe später auf einer Statistik gesehen, dass es einfach nur ein schlechter Tag gewesen ist, an dem ich angekommen bin.« Das Krasseste, was sie gesehen hat, war der Biss eines Nilpferdes.

Weder das eine noch das andere hat die deutsche Sozialpraktikantin aus der Bahn geworfen. »Ich kann Blut sehen und bin hart im Nehmen«, sagt Fabienne Gehrke von sich selbst.

Eingewöhnt habe sie sich nach etwa einer Woche. »Dann konnte ich auch das Englisch verstehen, das da gesprochen wird. Und nach drei Wochen habe ich englisch gedacht.« Neu in ihrem Vokabular sind jetzt logischerweise vor allem englische Medizin-Fachbegriffe.

Im Gästehaus gewohnt

Fabienne Gehrke hat auf dem Klinikgelände in einem relativ komfortablen Gästehaus gewohnt. Sie durfte arbeiten wann sie wollte, aber diese Freiheit hat sie nicht genutzt, sicher auch, weil es sonst nicht viel Ablenkung gab. Es gab kein Fernsehen, und Internet war schwierig, weil Fabienne Gehrke technische Schwierigkeiten mit der ugandischen SIM-Karte für ihr Handy hatte. »Meistens war ich von 8 bis 16 Uhr im Krankenhaus.«

Tarife

In ihrer Freizeit hat sie sich viel mit dem Krankenhaus-Personal unterhalten. Die Menschen seien durch den Job schon privilegiert, aber dennoch nicht reich. Eine große Rolle spiele Social Media, also Facebook und WhatsApp sowie andere aktuelle Apps.

Die Mehrheit der Bevölkerung in Uganda stellen Christen, vorneweg die Katholiken, und auch das Krankenhaus wird in katholischer Trägerschaft geführt. Ein Großteil der Mitarbeiter seien Ordensschwestern. Es gibt drei Ärzte und eine Ärztin. Auf der Frauenstation gibt es Hebammen, die an weißer Kleidung mit einem roten Gürtel erkennbar sind. Eine Krankenversicherung scheint es nicht zu geben. Für die medizinischen Eingriffe gibt es Tarife. Der billigste kostet 2000, der teuerste 45.000 ugandische Schilling. Vier Schilling sind ein Euro.

Sonntags hatte Fabienne Gehrke frei. Aus Pflichtbewusstsein hat die Protestantin die katholischen Gottesdienste besucht. »Die sind ganz anders als bei uns.« Es werde viel mehr gesungen, außerdem getanzt. Auch die Dauer der Gottesdienste sei deutlich länger.

Getanzt werde auch sonst gerne bei vielen Gelegenheiten.

Diebe verscheucht

Einige Ausflüge konnte Fabienne Gehrke machen. Mit einer Gruppe Ordensschwestern war sie in einem Nationalpark und hat viele Tiere in freier Wildbahn gesehen.Ein anderes Mal war sie dabei, als Father Ernest, die Kontaktperson der Ugandahilfe, besucht wurde. Auf einem Markt wollten Taschendiebe ihren Rucksack ausräumen. »Da waren ein Kartenspiel und eine Zahnbürste drin. Als ich es gemerkt habe, habe ich mich umgedreht und die Männer lächelnd auf Englisch gefragt, ob sie einen zweiten Versuch brauchen. Da sind sie weggelaufen.« Fabienne Gehrke ist sehr selbstbewusst und auch wehrhaft. Als sportliches Hobby hat sie sich das Thaiboxen ausgesucht.

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