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Preis auf Bundesebene: Gesamtschüler erzählen aus dem Leben von Holocaust-Opfern

Zweitzeugen leihen Juden ihre Stimme

Verl (WB). Sie wollen, dass das Leid jüdischer Mitbürger in Zeiten des Nationalsozialismus nicht vergessen wird. Deshalb haben sie sich zu Zweitzeugen ausbilden lassen. Eine Gruppe von Verler Gesamtschülern kennt die Biografie einiger NS-Opfer genau. Von deren Leben zu erzählen, treibt sie an. Dafür werden sie beim Wettbewerb »Demokratisch handeln« auf Bundesebene ausgezeichnet.

Kerstin Eigendorf

Tanja Heinemann und Nicolai Domscheit freuen sich mit ihren Schülern Dana Mertensmeier, Katharina Feldhaus, Coline Echterhoff, Melina Humpert, Janera Lükewille, Neo Heitmeyer, Leon Fromme, Ben Schewe, Alina Nußbaum und Parmis Khosrozadeh. Foto: Eigendorf

Auf Landesebene haben sie bereits Mitte Februar eine Urkunde erhalten bei einer Veranstaltung mit NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) in Hamminkeln. Dass sie nun auch noch die Nachricht bekommen haben, dass sie sich auf Bundesebene durchsetzen konnten, hat die meisten der beteiligten Schüler völlig überrascht. »Wir freuen uns riesig«, sagt Leon Fromme (16), der die Projektgruppe bereits bei der Preisverleihung auf Landesebene vertreten durfte.

Viel mehr als Fakten aus Geschichtsbüchern

Bis heute sind die Schüler überzeugte Zweitzeugen. Sie haben seitenweise Material sowie Interviews in Videoform von vier in der NS-Zeit verfolgten Juden gesichtet. Zudem haben sie eine Patenschaft für diese vier Menschen übernommen und denen, die noch leben, Briefe geschrieben. Auch eine selbst gestaltete Ausstellung dazu hat es gegeben (wir berichteten). »Das ist viel mehr, als Fakten aus Geschichtsbüchern über Judenverfolgung im Dritten Reich«, sagt Ben Schewe (15). Man sei viel näher dran, und es bleibe nicht nur bei reiner Information. »Wenn die Betroffenen erzählen, wie schwer es war, sich vor den Nazis zu verstecken und wie schlimm Juden behandelt wurden, fasst einen das ganz anders an.« Es sei ein viel emotionaleres und intensiveres Erleben von Geschichte.

Preis auf Bundesebene ist das i-Tüpfelchen

Ein Verein hat das Material und den Kontakt zu den vier in Deutschland verfolgten Juden zur Verfügung gestellt. »Sie selbst zu besuchen, ging leider nicht, weil nicht mehr alle leben, ein Besuch für die hochbetagten Menschen zu anstrengend gewesen wäre oder sie im Ausland, zum Beispiel in Israel, leben«, erklärt Schulleiterin Tanja Heinemann, die mit ihrem Kollegen Nicolai Domscheit gemeinsam das Projekt angestoßen hat. Sie ist stolz auf den Erfolg ihrer Schüler. »Das ist ein Thema, das unter die Haut geht. Und es ist toll zu sehen, mit welcher Überzeugung die Schüler sich damit auseinandersetzen«, betont sie. Außerdem profitierten auch andere Schüler davon, indem die Gruppe ihnen vom Leben der vier verfolgten Juden berichtet. Dass dieses Engagement nun mit einem Preis auf Bundesebene beim Wettbewerb »Demokratisch handeln«, der vom Bundesforschungsministerium gefördert wird, belohnt wird, sei das berühmte i-Tüpfelchen.

Erinnerung als Mahnung

Das sehen die Schüler genauso. Eines ist ihnen aber noch weitaus wichtiger. »Immer mehr Zeitzeugen sterben, womit ihre Geschichte droht, verloren zu gehen«, sagt Neo Heitmeyer (15). Das dürfe auf keinen Fall passieren. »Wir sind als Zweitzeugen dafür da, dass auch dieser dunkle Teil deutscher Geschichte in Erinnerung bleibt – auch als Mahnung.« Schließlich seien heute immer wieder Neonazis zu sehen, die mit ihrer Ideologie Vergangenes verharmlosten, und auch der vielerorts zur Schau getragene Hass auf Flüchtlinge mache das eigentlich in der Vergangenheit liegende Thema ihres Projektes brandaktuell.

Das Projekt wird fortgesetzt. Aber der nächste Schritt ist zunächst die Bundes-Preisverleihung Anfang Juni in Hamm. Dort soll es auch ein Preisgeld geben, dessen Höhe noch nicht bekannt ist. »Das wird direkt wieder in das Projekt fließen, damit wir neue Schüler zu Zweitzeugen ausbilden können«, so Tanja Heinemann.

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