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Rhythmus-Mittwochskino in Schloß Holte-Stukenbrock: Historiker Dr. Jürgen Büschenfeld über Pogrome und Judenfeindlichkeit in der Region

Vom NS-Staat gelenkte Gewalttaten

Schloß Holte-Stukenbrock

Anlässlich des Gedenkens an die Novemberpogrome hatten das Rhythmus- Filmtheater und die Partnerschaft für Demokratie Schloß Holte-Stukenbrock am 9. November zum Mittwochskino eingeladen, um sich mit der Judenverfolgung in Deutschland auseinanderzusetzen.

Marc Jacobsen (Partnerschaft für Demokratie), Dr. Jürgen Büschenfeld (Referent) und Frank Röllke (Rhythmus Filmtheater, von links). Foto: Jelena Jaissle

 Gezeigt wurde der deutsche Spielfilm „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, der die Geschichte der jüdischen Familie Kemper zeigt, die 1933 kurz vor der Reichstagswahl im März aus Berlin fliehen muss. Der Film beruht auf dem semi-autobiografischen Roman von Judith Kerr, deren Familie über die Schweiz und Frankreich nach England floh und so den Nazis entkommen konnte.

Eingeleitet wurde der Film durch einen Vortrag des Historikers Dr. Jürgen Büschenfeld, der sich seit vielen Jahren mit der Regional- und NS-Geschichte auseinandersetzt. Er sprach über die Novemberpogrome in Ostwestfalen-Lippe vor 84 Jahren. Dabei ordnete er die Pogrome in eine längere Geschichte der Judenfeindschaft ein, die 1938 zu den vom NS-Staat gelenkten Gewalttaten führten. In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurden viele Juden verletzt, verhaftet und ermordet. Mehr als 1400 Synagogen und mehrere tausend Wohnungen sowie jüdische Geschäfte und Friedhöfe wurden zerstört.

Der Vortrag schilderte eindrücklich, dass es auch in Ostwestfalen-Lippe zu zahlreichen Übergriffen gekommen ist. „Die Bilanz ist erschütternd. Drei Menschenleben waren zu beklagen. 406 Juden hatte man ins KZ Buchenwald eingeliefert. Insgesamt wurden 37 Synagogen zerstört, 19 durch Feuer, 18 auf andere Weise. Zerstört waren am Ende auch 102 Geschäfte und gewerbliche Räume sowie 110 Privathäuser. Besonders perfide: Die Juden hatten die im öffentlichen Raum entstandenen Schäden auf eigene Kosten zu beseitigen“, so Büschenfeld.

„Dass es in Schloß Holte-Stukenbrock keine Judenverfolgung während der Novemberpogrome gab, lag schlicht und einfach daran, dass zu dieser Zeit schon keine Juden mehr im Ort lebten. Ansonsten ähnelte die Entwicklung denen der umliegenden Kommunen. Überall wurden NSDAP-Parteistrukturen aufgebaut und ausgeweitet.“

Der Vortrag lieferte wichtiges Kontextwissen für den Film. „Durch den Vortrag habe ich den Film, den ich schon kannte, noch einmal in einer ganz anderen Perspektive gesehen, weil ich jetzt viel mehr Hintergrundinformationen hatte“, kommentierte eine Zuschauerin. Das nächste Mittwochskino findet am 14. Dezember ab 19.50 Uhr statt. Gezeigt wird der Film „Märchen. Mythen. Morde. - Ostwestfalen schön bis schaurig“. Zu Gast ist der Regisseur Peter Schanz.

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