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Stillstand im „Zeitlos“: Corona-Lockdown trifft auch Wertheraner Gastronomie-Ehepaar Güner und Gülay Tek hart

Atemnot ganz ohne Infektion

Werther (WB/hx)

„Zeitlos“ – der Name ist mit Bedacht gewählt. In Anlehnung an Michael Ende‘s Geschichte von der kleinen „Momo“ wollten Güner und Gülay Tek ihren Gästen eine unbeschwerte Zeit in ihrem kleinen Café-Bistro am C.F. Venghauss-Platz in Werther schenken. Einfach einkehren und der Hektik des Alltags entrinnen. Im Moment wünschen sie sich nichts mehr als ein wenig Hektik hinterm Tresen. Der Lockdown – er trifft sie wie viele Kollegen in der Gastronomie hart.

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Güner, Dilara, Deniz und Gülay (von links) stehen zum Glück zusammen. Der lange Lockdown in der Gastronomie Foto: hx

Im Juni 2019, passend zum Erdbeerfest, eröffnete das Ehepaar seine kleine Musikkneipe zwischen dem Spanier, einem griechischen Imbiss, einem chinesischen und indischen Restaurant an dem beliebten Platz mitten im Geschehen.

Im gemütlichen Inneren wurde Livemusik und Karaoke am Wochenende angeboten. Die Gäste genossen es aber auch, im Sommer draußen zu sitzen und bei einem Kaffee oder Bier mit Freunden den Tag ausklingen zu lassen. Schnell kam man hier auch mit Fremden ins Gespräch. „Wir wollten eine Nische in Werther bedienen mit einem Angebot, das es hier so noch nicht gab“, sagt Güner Tek (47).

Er lockte viele heimische Musiker in seinen Laden. Und sie hatten noch so viel vor. Dass es am Anfang Probleme mit der „Gema“ gab, wurde schnell geregelt. Auch wenn das viele Nerven kostete: „Rückblickend war das ja geradezu eine leicht zu klärende Lächerlichkeit“, meint Gülay Tek nicht ohne Sarkasmus. „Was wir jetzt in der Pandemie mitmachen, ist eine ganz andere Hausnummer.“

Der erste Lockdown sei schon hart gewesen, denkt der Wirt zurück. Als sich dann im Sommer wieder zaghaft Wertheraner aus dem Haus trauten, war die Hoffnung groß, dass sich alles zum Besten wendet. Natürlich war der Umsatz nicht annähernd so, das man sich große Sprünge erlauben konnte. „Aber die Familie kam gemeinsam über die Runden.“

Die sich ständig ändernden Hygieneauflagen für das kleine Café wurden immer wieder neu angepasst. Tische wurden gesperrt, mal waren zehn Personen erlaubt, mal nur fünf. Flexibilität war gefragt. Die Familie machte gerne mit. Im Hinterkopf immer den Gedanke: Irgendwann wird es bestimmt wieder alles normal werden...

Dann kam der zweite Lockdown. „Light“, hieß es in den Medien. „November-Hilfe“ für Gastronomen. Also wieder Schluss mit dem kleinen Familienunternehmen. Dass die sogenannte Novemberhilfe aber erst verspätet beantragt werden konnte und immer noch nicht geflossen ist, ärgert die Teks. „Wir Gastronomen opfern gerade nichts Geringeres als unsere Existenz für unser aller Wohl und Gesundheit. Was ist der Dank unserer Politiker? Wo ist die Sicherheit und die Solidarität, wo ist der Zusammenhalt? Wo sind die versprochenen Hilfen, von denen alle sprechen? Wir für unseren Teil leiden gerade an Sprachlosigkeit und Atemnot, was aber nicht das Geringste mit einer Corona-Infektion zu tun hat“, schimpft Güner Tek. Aber er weiß auch: Sich verbal Luft zu verschaffen, ändert nichts an der Situation. Die Familie muss nun die Hürden des Jobcenters auf sich nehmen, um die vierköpfige Familie heil durch die Zeit zu bringen. Die Kinder Deniz, 16, und Dilara, 13, machen „ihren Job“ und gehen zur Schule. Sie haben viele Zukunftspläne. „Weihnachten ist für uns erledigt“ sagt der Sechzehnjährige, aber „unser Familienzusammenhalt ist groß und liebevoll“. Sein Wunsch für 2021: „Endlich wieder Normalität!“

Die kleine Musikkneipe kann die Lösungen der größeren Restaurants oder Kneipen mit Außer-Haus- Verkauf nicht bedienen. Die Unsicherheit ist zu groß. Soll man Gutscheine anbieten? Muss man das später alles dreifach zurückzahlen? Die Steine, die da auf dem Weg zur Normalität liegen, scheinen Tonnen zu wiegen. Aber die Teks wollen sich nicht unterkriegen lassen. Sie kämpfen weiter für ihr „Zeitlos“.

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