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Hans Wäger stapelt in seinem Antiquariat in Werther 38.000 Exemplare – verkauft wird übers Internet in alle Welt

Der Herr der Bücher

Werther (WB)

So etwas können nur Verrückte machen“, sagt Hans Wäger und lächelt mit einem Achselzucken. 38.000 Bücher stapeln sich in seiner angemieteten Halle in Werther auf 400 Quadratmetern bis unter die Decke.

Margit Brand

Sammelt und verkauft mit Leidenschaft Bücher: Hans Wäger (76) betreibt sein Antiquariat inzwischen komplett online. Foto: Margit Brand

„Und da sind die jüngsten Errungenschaften, die jeden freien Fleck im Büro belegen, noch gar nicht mitgezählt. Wie lange sie in Werther bleiben? Keiner weiß es. Täglich gehen aus dem riesigen Vorrat des Antiquariats Wäger Bücherpakete auf die Reise - dank des Internets manchmal bis ans andere Ende der Welt.

Lexika und Lyrik, Krimis und Kochbücher, Wanderführer und wissenschaftliche Abhandlungen: Aus nahezu jedem Genre ist bei Hans Wäger etwas zu finden. Nur mit dem Suchen vor Ort wird es schwierig. Natürlich gibt es ein penibles Ordnungssystem. Handgemacht mit codierten kleinen Klebezetteln, die die Stapel strukturieren. D5919 steht für „Glatzer Wanderbuch“, falls jemand spontan bei dem Wertheraner Antiquar Interesse bekunden möchte. Doch zum Stöbern ist das Lager, das Wäger in einer alten Halle von Poppe + Potthoff eingerichtet hat, wenig geeignet. Kunden können das Sortiment viel komfortabler und schneller online in den Blick nehmen.

Inzwischen hat Hans Wäger den Verkauf komplett ins Internet verlegt. Das war längst nicht immer so. Zwischenzeitlich hatte der 76-Jährige, der seit 30 Jahren in Werther lebt, vier Läden im Raum Bielefeld und Herford. So zum Beispiel das Anitquariat in der Arcade, die „Leseratte“ in der damaligen Citypassage oder den Winterverkauf in der Eisdiele an der Friedrich-Ebert-Straße. Auch an der Ravensberger Straße in Werther gab es eine Zeit lang ein kleines Lädchen mit Verlagsrestposten und Büchern, die andere aussortiert hatten.

Restbestände davon bildeten den Grundstock für den riesigen Vorrat, den das Antiquariat heute beherbergt. 2006 hat Hans Wäger die ersten Bücher über Amazon verkauft. Heute ist er zusätzlich auf den großen Plattformen wie Booklooker, ZVAB oder Abebooks vertreten. Und ganz neu gibt es den persönlichen Online-Shop www.hans-buchladen.de, der einen direkten Einblick in das Sortiment aus Werther ermöglicht. 6000 Titel sind dort bislang eingestellt. Keine Ware „von der Stange“, sondern eher Seltenes und Rares.

Diese Schätze sind es, die die Goldgräber-Stimmung in Hans Wäger immer wieder neu wecken. Uralte Kinderbücher zählt er zu den Fundstücken, die ihn beflügeln und das Geschäft beleben. Oder signierte Werke. Oder solche mit Originalgrafiken. Dafür sind dann auch schon einmal größere Summen fällig. „So etwas ist natürlich selten“, räumt Hans Wäger ein, der weiß, dass seine Profession nicht ohne Leidenschaft funktioniert und vom Zufall lebt. Mit der Maschinerie, die Gebrauchtportale wie Momox technisch wie finanziell funktionieren lassen, hat sein Antiquariat nichts zu tun. Was nur Cent-Beträge bringt, weil der Markt damit überschwemmt wird, landet bei Hans Wäger im Altpapier-Container.

Aber wenn ihm wie jüngst der Nachlass eines renommierten Wissenschaftlers angeboten wird, dann schaut Hans Wäger genauer hin. Vielleicht interessant für die Unis in Übersee, die er zu seinen Kunden zählt? Er sichtet auch gern die Kisten, ihm sein Kollege Fritz Bremer bringt, weil der nicht alle gebrauchten Bücher, die er erhält, in seinem Stöberstübchen an der Schloßstraße unterbringen kann. „Eine wunderbare Zusammenarbeit“, findet Hans Wäger, der Werther überhaupt ein „Paradies für Leseratten“ nennt. „Wir haben eine hervorragende Stadtbücherei, die gerade frisch renoviert wird. Dann gibt es die Buchhandlung Lesezeichen als sehr gute Anlaufstelle für alles Neue. Wer lieber zwischen gebrauchten Büchern sucht, kann das bei Fritz‘ „Bremer Stadtmusikanten“ tun. Und wer noch mehr alte Bücher braucht, ist in unserem Online-Angebot richtig.“

Hans Wäger hat ein Alter erreicht, in dem er eigentlich in einem Lesesessel die Füße hochlegen könnte. Stattdessen halten seine Bücher ihn Tag für Tag auf Trab. Natürlich nimmt er sich gerne auch mal eins mit nach Hause (“Tagsüber habe ich keine Zeit mich festzulesen“). Weil sich aber auch dort die Regale biegen, hat er sich selbst inzwischen eine Goldene Regel gegeben: „Für jedes „neue“ Buch, muss ein altes aussortiert werden.“

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