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Nach 21 Jahren steht Werthers Bürgermeisterin Marion Weike vor ihrer letzten Arbeitswoche

Ein Spickzettel bleibt im Büro liegen

Werther (WB). „Ich bin die, die’s hier nach dem Krieg am längsten ausgehalten hat”, sagt Marion Weike mit einem Lachen. Das weicht ein wenig der Wehmut, wenn Werthers Bürgermeisterin an ihren selbst gewählten letzten Arbeitstag im Wertheraner Rathaus denkt. Denn der rückt nach 21 Jahren nun unaufhaltsam näher. Das Büro ist so gut wie leer geräumt, die letzte Arbeitswoche beginnt am Montag. „Ein komisches Gefühl”, sagt die 61-Jährige und bilanziert doch ganz klar: „Das war eindeutig der richtige Job für mich. Es hat mir wirklich Freude gemacht.”

Margit Brand

Oktober 1999: Als Erinnerung und Arbeitsauftrag hat Marion Weike (damals 40 Jahre alt) beim Amtsantritt die Wünsche der Wähler in ihrem Büro an die Wand gehängt. Foto: Margit Brand

Das erste Mal betrat Marion Weike das Rathaus, um sich einen Infostand für den Wahlkampf 1999 genehmigen zu lassen. Dabei wäre die Juristin fast unerkannt geblieben. Erst im letzten Moment hakte eine Mitarbeiterin nach: Ob sie eventuell die SPD-Bürgermeisterkandidatin sei...? Das war sie und wenige Monate später dann die erste hauptamtliche Bürgermeisterin der Stadt. Marion Weike ist ein bisschen stolz darauf, ihr damals (vor allem sich selbst) gegebenes Versprechen gehalten zu haben: „Jede Vereinsveranstaltung, an der ich im ersten Wahlkampf teilgenommen habe, wollte ich im Falle meiner Wahl auch in Zukunft besuchen.”

Kaum ein Fest verpasst

Und so hat sie seitdem kein einziges Winterfest der Feuerwehr verpasst, musste dem Landvolk für den Ball nur einmal wegen eines Urlaubs absagen. Die Kontakte, die sie bei solchen Gelegenheiten geknüpft und vertieft hat, waren unendlich wertvoll. „Und die besten Bürgersprechstunden hatte ich sowieso immer beim Einkaufen”, sagt die gebürtige Bielefelderin, die vor 13 Jahren mit ihren Mann ein Haus an der Ravensbergerstraße gekauft hat.

Mit einem Schmunzeln erinnert sie sich heute an ihre Premiere bei der Kyffhäuser-Kameradschaft. Ihr war damals zugetragen worden, dass man bei der Kranzniederlegung zum Volkstrauertag am liebsten einen männlichen Vertreter der Stadt sähe. Bei der unumgänglichen Einladung des neuen Stadtoberhauptes kam deshalb der „großzügige” Hinweis des Vorstandes, Weike brauche aber nicht unbedingt selbst zu kommen. „Damals habe ich in den Telefonhörer geflötet: ‚Aber das tue ich doch gerne!‘ Zur Strafe habe ich ewig gebraucht, bis ich meine Rede fertig geschrieben hatte”, erzählt Marion Weike.

Das Eis gebrochen

Was daraus wurde? Tatsächlich ein äußerst herzliches Verhältnis zu den Kyffhäusern. Das Eis musste nur gebrochen werden. Über anderes musste Gras wachsen. Denn nicht jeder (politische) Kampf endete in Harmonie. Rückblickend ist Marion Weike beeindruckt von einem Tipp, den ihr ausgerechnet jemand gab, mit dem sie erbittert streiten konnte: „Einfach das Formular umdrehen und ‚Schwamm drüber‘ auf die Rückseite schreiben”.

Weike ist erleichtert, dass sie viele Akten schließen konnte, bevor sie geht. Dass die Rodderheide keine grüne Wiese, sondern dicht bebaut ist, macht sie froh. Der Anblick des Böckstiegel-Museums auch. Gerne sieht sie das bunte Treiben in der Skaterhalle und freut sich insgesamt darüber, wie enorm sich die alte Ampelschule entwickelt hat, die ja auch das Familienzentrum Famos beherbergt. Daran, dass sie den rührigen Frauen des damaligen Stadtelternrates ein Domizil für ihre Ideen anbieten konnte, denkt sie gern zurück.

Leider noch keine Kräne

Dass dagegen noch keine Häuser am Blotenberg stehen, bedauert sie sehr und ärgert sich darüber, dass abseits von allem politischen Streit um dieses Thema auch manche persönliche Attacke gefahren wurde. „Immerhin steht kommende Woche der Satzungsbeschluss zum zweiten Bauabschnitt an. Das wollte ich unbedingt noch erledigen.”

Zu den Unvollendeten gehört auch die Akte Weco, in die sich nun ihr Nachfolger Veith Lemmen tief einlesen muss. „Es ist mit Abstand das vielschichtigste Thema meiner Amtszeit.”

Mails “mutig gelöscht”

Und die letzte Woche? Der Schreibtisch ist so gut wie leer, auch die letzten Mails „mutig gelöscht”. Es stehen noch zwei Ausschüsse und die letzte Ratssitzung an, dazu einige Gespräche mit Veith Lemmen, dem sie im Computer auch ein „Spickzettel”-Dokument angelegt hat mit Informationen, die ihm hilfreich sein mögen. „Mein Übergabegespräch mit Stadtdirektor Peter Hagemann war damals eine Stunde lang. Das war definitiv zu wenig”, sagt sie und will das besser machen.

Wobei sie – beziehungsweise Lemmen – sich da auch auf die Erfahrung der Fachbereichsleiter und der ganzen Mannschaft stützen kann. „Millennium-Umstellung, Haushaltsloch, 09/11, Bankenkrise, Flüchtlingsansturm, Corona: Es hat einige große Krisen gegeben, die wir zu bewältigen hatten. Aber jedes Mal hat sich gezeigt: Im Falle eines Falles rücken hier alle im Haus zusammen und kriegen das gemeinsam hin.”

Erstmal abwarten

Mit dieser Gewissheit bleibt sie am 2. November also erst einmal zu Hause. „Da ist einiges liegen geblieben”, will Marion Weike alles weitere auf sich zukommen lassen. Dem Böckstiegel-Freundeskreis hat sie eine Zusage für die Mitarbeit im Vorstand gegeben, ein „schmeichelhaftes Angebot für eine Vollzeitstelle” aber abgesagt. „Ich werde mal ausprobieren, ob’s auch mit weniger Arbeit geht.”

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