1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Werther
  6. >
  7. Esel mühen sich auch um den Einzelnen

  8. >

Sensible Vierbeiner: Bruno Sticklings Tiere sind in der Weihnachtszeit verstärkt im Einsatz – diesmal kommt die Pfarrerin zum Dreh

Esel mühen sich auch um den Einzelnen

Werther

Sie sind unkomplizierte Lastenträger, sensible Therapeuten, sanftmütige Reittiere und werden vor allem in der Vorweihnachtszeit gelegentlich als Schauspieler engagiert. Ob beim Krippenspiel im Stadtpark Gütersloh, zum Weihnachtsmarkt in Steinhagen oder im Rahmen der traditionellen Weihnachtsgeschichte des Piumer Bauerntheaters im Bönkerschen Steinbruch in Borgholzhausen – seit rund 20 Jahren sind die Esel von Bruno Stickling immer mit von der Partie gewesen.

Johannes Gerhards

Bruno Stickling im Kreise seiner Lieblinge auf der Eselranch. Von ehemals 35 Tieren sind noch sieben Esel übrig, die keinesfalls alle nur grau sind. Foto: Johannes Gerhards

Nun ist vieles anders, in der diesjährigen Weihnachtszeit können es die sympathischen Grautiere etwas ruhiger angehen lassen. Denn die meisten Veranstaltungen in der Adventszeit sind coronabedingt ausgefallen, auch der Freiluftgottesdienst an Heiligabend in Werther findet nicht in geplanter (Präsenz-)Form statt; denn dort sollten im integrierten Krippenspiel mit lebenden Tieren auch Esel Anton von der Eselranch Stickling in Niehorst sowie einige Schafe aus Isingdorf am Gottesdienst teilnehmen.

Pfarrerin Silke Beier besucht stattdessen nun Esel und Schafe im Stall und hat ein Video für den Online-Gottesdienst gedreht. Die Pfarrerin hatte von Jutta Kemner, einem Mitglied des Piumer Bauerntheaters, den Hinweis erhalten, sich mit Bruno Stickling von der Niehorster Eselranch in Verbindung zu setzen, weil die ursprünglich vorgesehenen einheimischen Esel nicht an Menschenmengen gewöhnt seien. Silke Beier ist immer noch beeindruckt, mit welch freundlicher Hilfsbereitschaft ihrer Anfrage entsprochen wurde. Auch wenn Bruno Sticklings „Tournee“ mit Esel Anton am Heiligabend nun ausfällt. Ursprünglich wollte er nach dem Gastspiel in Werther weiterziehen zum Krippenspiel nach Avenwedde.

„Früher haben wir hier richtig was gemacht“, blickt Bruno Stickling in die 90er Jahre zurück. Nach Errichtung des Stalls auf dem eigenen Grundstück in Niehorst herrschte oftmals Hochbetrieb. Kindergruppen und Jugendcamps wurden ebenso organisiert wie Hochzeitsfahrten mit der Eselskutsche. Zu den internationalen Eselstreffen reisten seit der ersten Auflage im Jahre 1999 zwischen 150 und 200 Grautiere mit ihren Besitzern aus ganz Europa an. „Dabei sind die gar nicht immer nur grau“, betont Elisabeth Stickling. Tatsächlich stehen auf der Wiese gescheckte, weiße und dunkelbraune Esel. Sieben sind noch übrig geblieben von seinerzeit mehr als 35, einige erhalten auf hier auf der Ranch ihr Gnadenbrot, ergänzt Bruno Stickling.

Täglich kommen seine Frau und er aus Spexard, um hier nach dem Rechten zu sehen. Seit über 40 Jahren genießt er sein inzwischen deutlich zurück gefahrenes Hobby. Ein Geschäftsmodell sollte die Eselzucht für den gelernten Maurer nie sein, wenngleich sich die Eselranch zu einem beliebten Treffpunkt für junge und alte Eselfans entwickelte. Auch heute kommen gelegentlich noch Menschen mit Behinderungen, um sich an den sensiblen Tieren zu erfreuen. „Die Esel kriegen alles mit“, hat Bruno Stickling beobachtet. Auch auf besonders schüchterne und in sich gekehrte Personen hätten die gutmütigen Tiere einen positiv belebenden Einfluss.

Die ältesten der verbliebenen sieben Tiere sind inzwischen 30 Jahre alt, die maximale Lebenserwartung bei Eseln liegt laut Bruno Stickling bei etwa 40 Jahren. Auch für die Tiere bedeuten die sonst regelmäßigen Ausflüge zu Weihnachten eine willkommene Abwechslung. Bei den Aufführungen in Borgholzhausen war in der Regel Esel Bobbo dabei, auch wenn er oft Klara gerufen wurde. Den ganzen Trubel und die Darstellerin der Maria auf seinem Rücken hat er geduldig ertragen, Bruno Stickling musste nur selten aus dem Hintergrund motivierend eingreifen. Das allgemeine Vorurteil vom sturen Esel will er so nicht gelten lassen. „Pferde sind auch stur“, sagt er, genau wie manche Menschen.

Silke Beier weist als Theologin auf den geradezu „antimajestätischen“ Aspekt des Nutztiers Esel hin – im Gegensatz zum Kriegstier Pferd. Im Alltag bedürfe es der beharrlichen Esel, die sich im Kleinen und um den Einzelnen mühen. Demzufolge könnten sie durchaus als systemrelevant bezeichnet werden. Wer ganz genau hinschaut, kann zudem auf ihrem Rücken zwei dunkle Striche in Form eines Kreuzes erkennen.

Startseite