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Jugendzentrum „Funtastic“ in Werther ist nach wie vor dicht

„Gespräche haben eine ganz andere Tiefe“

Werther

Über die sozialen Spätfolgen der Pandemie bei Jugendlichen können auch die Sozialarbeiter in Werthers Jugendzentrum „Funtastic“ nur spekulieren. Offene Jugendarbeit kann bei geschlossenen Türen nicht funktionieren. Seit Mitte Dezember fehlt den Kindern und Jugendlichen ein Treff- und Anlaufpunkt, an dem sie unter sich sein können.

Johannes Gerhards

Ob die im Graffiti abgebildete Figur auch unter den Beschränkungen der Pandemie leidet, kann das Team des Jugendzentrums „Funtastic“ nicht sagen. Wohl aber, dass offene Jugendarbeit derzeit schnell an ihre Grenzen kommt. Von links: Florian Rolle, Simone Niemann, Björn Füllbier und Marcel Kay. Foto: Johannes Gerhards

„Die Peergrouptreffen fallen weg“, sagt Björn Füllbier und befürchtet erhebliche Auswirkungen auf die psychische Entwicklung der Jugendlichen, die alterstypische Verhaltensweisen nicht ausleben können. Ihr Schwerpunkt verlagert sich nach seinen Worten in die Online-Welt. Da verwundert es auf den ersten Blick, dass die Webseite des Jugendzentrums derzeit nicht abrufbar ist.

„Wir halten den Kontakt über Facebook und Instagram“, erklärt Simone Niemann. Das normale Internet spiele für die Jugendlichen kaum eine Rolle, weil die Kommunikationsformen über die von ihnen genutzten Netzwerke deutlich unkomplizierter zu handhaben sind. Angesprochen auf gemeinsame Online-Spiele in Lockdown-Zeiten kann Björn Füllbier allerdings nur müde abwinken. „Die kennen sich da wesentlich besser aus. Mit angesagten Youtubern und Influencern können und wollen wir nicht konkurrieren“, stellt er klar.

Auch analoge Spiele wie Skip-Bo oder Uno funktionieren in der Onlinevariante nicht wirklich zufriedenstellend. Simone Niemann hat es mit den Teenager-Mädchen versucht. Das Interesse verebbte schnell, weil die Apps nicht stabil genug liefen. Gewinnt die aufsuchende Jugendarbeit also eine steigende Bedeutung? Der auf diesem Gebiet aktive Marcel Kay kann das nur bedingt bestätigen. Gemeinsam mit Florian Rolle, der gerade sein Anerkennungsjahr absolviert, macht er regelmäßig die Runde und klappert die bekannten Treffpunkte in Werther, Versmold und Borgholzhausen ab.

„Es hat sich schon herum gesprochen, dass wir nicht Handlanger des Ordnungsamtes sind“, betont der Streetworker. In der gegenwärtigen Situation sei aber nicht viel mehr möglich, als mal reinzuhorchen, was die Jugendlichen bewegt oder die gerade geltenden Regeln zu erklären. Der Corona-Überdruss ist schon sehr ausgeprägt, die Sehnsucht nach Normalität und der Wunsch nach Ende der Pandemie sind bei allen Beteiligten riesengroß. Immerhin stellt kaum jemand mehr die Existenz des Virus in Frage, betont Marcel Kay mit Blick auf die von vereinzelten Fällen im Bekanntenkreis hervorgerufene Verunsicherung.

Während der zwischenzeitlichen Öffnungszeiten haben sich alle Besucher des Jugendzentrums sehr korrekt an die Hygiene-Regeln gehalten. Auch jetzt halten sie laut Björn Füllbier den Kreis ihrer Bezugspersonen bewusst klein. Treffen mit der großen Clique finden derzeit nicht statt. Leider müssen die Jugendarbeiter aber auf kleinere Spontanaktionen wie gemeinsame Tagesausflüge verzichten, die für etwas Abwechslung sorgen könnten.

Auch der ans Haus angegliederte beliebte Skatertreffpunkt „Hall of Fame“, der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiern könnte, ist derzeit verwaist. Grundsätzlich wären hier sportliche Aktivitäten auch mit Abstand möglich. Bei rund 100 Interessenten könnten sich unlösbare logistische Probleme ergeben. Schließlich gehe es nach Angaben von Björn Füllbier auch um solidarisches Miteinander, Gerechtigkeit und konsequentes Einhalten der Regeln.

Wenn doch mal jemand ratsuchend vor der Tür stehe, werde er nicht abgewiesen. Die dann geführten Gespräche hätten eine ganz andere Tiefe und seien wesentlich intensiver als üblich. Während der reduzierten Präsenzzeiten im Haus gibt es für das Team genug zu tun. Trotz allem laufen Planungen für die Oster- und Sommerferien, Renovierungen liegen an, und Jahresberichte müssen erstellt werden.

Anstelle der normalen Öffnungszeiten für verschiedene Alters- und Interessensgruppen gelten derzeit reduzierte Anwesenheitszeiten der im JUZ Werther beschäftigten Sozialarbeiter. Simone Niemann ist montags, dienstags und donnerstags zwischen 14 und 16 Uhr vor Ort, Björn Füllbier montags und dienstags von 16 bis 18 Uhr. Zur Not muss auch mal der Anrufbeantworter unter Telefon 05203/5710 aushelfen.

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