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»Wege durch das Land« macht Station auf dem Heiningshof in Werther

Nachdenken über das Anderssein

Werther (WB). Ein Hörgenuss aus Wort und Musik, eine feinsinnige und emotionale Symbiose aus Lesung und Solokonzert, ein genussvolles Zusammenspiel aus Wortgewandtheit und Fingerartistik: Die »Wege durch das Land« haben Sonntagabend auf dem Heiningshof begeistert.

Nikolas Müller

Schauspielerin Johanna Gastdorf berührte und bewegte mit der Lesung von Büchners Erzählung »Lenz«. Foto: Nicolas Müller

Im Nu ausverkauft, hatten sich 200 Zuhörer im stimmungsvollen Ambiente des alten Hofes eingefunden und lauschten Thomas Hettche, der zum Auftakt aus seinem neuen Roman »Pfaueninsel« vorlas. Eine Geschichte um ein Geschwisterpaar, das zwergwüchsig auf der kleinen Insel in der Havel nahe Berlin aufwächst. So erzählt Hettche von dessen Blüte, Reife und Verfall aus der Perspektive des kleinwüchsigen Schlossfräuleins Marie, in deren Lebenslauf sich die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts verdichtet.

Werther statt Rheda

Er entwickelt die mächtige Magie eines Ortes, in dem das Fremde und Anderssein einen starken, beeindruckenden Kontrast spiegelt. Da Szenen seines Romans »Pfaueninsel« auch in einer Orangerie spielen, hatten sich die Organisatoren ursprünglich für das Schloss Rheda entschieden. Weil dort jedoch Sonntag ein Weinfest gefeiert wurde, wurde zugunsten des ruhigen Heiningshofes umgeplant, der schon 2013 Gastgeber für »Wege durch das Land« war.

Hier setzt die Schauspielerin Johanna Gastdorf eines der Glanzlichter. Ihre Lesung von Georg Büchners Erzählung »Lenz«, posthum 1839 erschienen, wird zu einem intensiven Erlebnis, da die Schauspielerin aus ihrem reichen Fundus an Gesten und sprachlichen Nuancen zu schöpfen weiss. Die Erzählung beschreibt den sich verschlechternden Geisteszustand des Schriftsteller Jakob Michael Reinhold Lenz und basiert auf den Aufzeichnungen des Pfarrers Oberlin.

Ein magischer Moment

Gastdorf spürt den Ängsten und Depressionen nach, macht Gebrochenheit, Lebensunlust und Ausweglosigkeit deutlich, betrachtet den Lenz wie durch ein Brennglas. Und lässt mit den letzten Worten »Das Dasein war ihm eine Last – so lebte er hin« ihre Stimme mit subtiler Verinnerlichung ersterben. Ein magischer Augenblick dieses Abends.

Der israelische Harfinist Silvan Magen nimmt die Stimmungen dieser Lesungen auf, entwickelt in seinem schwerelosen Spiel die Volksmusik in den Kompositionen von Bela Bartok (1881-1945) und Enrique Granados (1867-1916). Mit einer beeindruckenden Fingerartistik entlockt er seinem Instrument Arpeggien und Glissandi, gestaltet mit seiner Griffkunst hörenswerte Chopin-Bearbeitungen und entführt den Zuhörer in die hebräische Tonkunst.

Taktgeber und Mahner

Mit geschliffener Geschmeidigkeit gelingen ihm feine klangliche Schattierungen, vermittelt musikalische Kleinode und Geschichten, wie das Werk »Doaa and Masa« von Gilad Cohen. Der vertont in seinem Musikstück das Schicksal syrischer Flüchtlinge, die bei der Flucht im Meer ertranken. Silvan Magen bezieht bei der Interpretation den Corpus der Harfe mit ein, als klopfenden Taktgeber und Mahner. Am Ende dieses Abends voller Magie und Nachdenklichkeit über das Anderssein erklingt als Zugabe das Thema aus dem Film »Der dritte Mann«.

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