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Ausgerechnet beim Vortrag über ein Leben mit Behinderung fällt in Werther der Treppenlift aus

Sie wollen kein Mitleid

Werther (WB/fs). Deutlicher können Probleme nicht zutage treten: Ausgerechnet bei einem Vortrag zum Umgang mit Behinderung fiel in der Böckstiegel-Gesamtschule der Treppenlift aus. So hatten die Referenten Saskia Kesting und Dr. Faraj Remmo Schwierigkeiten, mit ihren Rollstühlen in die Aula zu kommen.

Dr. Faraj Remmo und Saskia Kesting (vorne) sind mit Anika Meerhoff, Lucas Alexander, Antonia von Reden und Simon Füchtenschnieder von Lehrerin Nadine Witt (hinten v.l.) für den Vortrag nach Werther eingeladen worden. Foto: Freya Schlottmann

»Wenn die Technik nicht funktioniert, merke ich eigentlich erst, dass ich behindert bin«, sagte Saskia Kesting. Die 37-jährige Juristin ist aufgrund einer besonderen Form der Kleinwüchsigkeit auf ihren Elektrorollstuhl angewiesen. Immerhin hatte der Treppenlift sie noch in die Aula befördert.

Wenn die Technik versagt

Dann allerdings versagte die Technik und der Lift rührte sich keinen Millimeter mehr. Mitreferent Faraj Remmo, der querschnittsgelähmt ist, war allerdings noch im Erdgeschoss. Kurzerhand musste die Veranstaltung deshalb in die Mensa verlegt und Saskia Kesting mitsamt ihrem 120 Kilo schweren Rollstuhl wieder nach oben transportiert werden. Im Handumdrehen packten sechs Schüler und Lehrer mit an und trugen sie wieder nach oben. »Viel mehr Demonstration, wie schwierig das Leben ohne die Technik sein kann, geht wohl kaum«, sagte Faraj Remmo lächelnd.

Der Dozent für Erziehungswissenschaften der Uni Bielefeld berichtete gemeinsam mit Kollegen, die alle eine Form von Beeinträchtigung haben, über das Schicksal, das Zurückfinden ins Leben und wie sich trotzdem Lebensträume umsetzen lassen. Anlass des Vortrags war, dass im praktischen Philosophie- und Religionsunterricht in der zehnten Jahrgangsstufe das Thema behandelt wird.

Vor 120 Schülern haben die Referenten dabei deutlich gemacht, wie schnell sich das Leben verändern kann und wie wichtig es vor allem ist, Menschen mit Behinderungen nicht in eine Parallelgesellschaft abzuschieben, sondern zu integrieren und zu fördern.

Bewegende Geschichten

Trotz der einstündigen Verzögerung der Veranstaltung verfolgten die Zehntklässler den Vortrag gebannt. Große Augen machten viele, als Faraj Remmo berichtete, wie er mir 21 Jahren einen Kopfsprung ins Meer machte, sich das Genick brach und erst einige Zeit später mit der Diagnose Querschnittslähmung im Krankenhaus wieder aufwachte.

Auch die Geschichte von Antonia von Reden bewegt. Mit 27 Jahren stürzte sie im Alkoholrausch und stieß sich den Kopf an einer Kante. Vier Monate Koma, mehrere Monate Krankenhaus und Reha sowie der komplette Verlust der Sprach- und Bewegungsfunktion waren die Folge.

Nichtsdestotrotz haben sich die drei ebenso wie die ADHS-Patientin Anika Meerhoff sowie die seit der Geburt halbseitig gelähmten Lucas Alexander und Simon Füchtenschnieder niemals entmutigen lassen. Simon Füchtenschnieder sagte dazu: »Ich selber sehe mich nicht als behindert. Und mit Mitleid oder Sonderbehandlungen kann ich nicht viel anfangen.« Er wünscht sich, dass die Integration von Menschen mit Einschränkungen für jeden etwas Selbstverständliches wird.

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