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Museum Werther präsentiert Werke des Informel aus Privatsammlung

Was würde Böckstiegel dazu sagen?

Werther

Was wäre, wenn Peter August Böckstiegel nicht 1951 mit 61 Jahren gestorben wäre? Wie hätte sich seine Kunst nach den Erlebnissen des Zweiten Weltkrieges mit der Zerstörung seines Ateliers und vieler seiner Kunstwerke im Bombenhagel auf Dresden verändert? 

Von Margit Brand

Mit Zitaten der Künstler, hier Hubert Berke, ist die üppig gehängte Ausstellung umrahmt.„Malerei wandert in den Raum“: Gegensätzliches sucht immer wieder den Dialog. Foto: Margit Brand

Welche neuen Strömungen hätte der westfälische Expressionist miterlebt, wie hätten sie ihn inspiriert? Die neue Ausstellung „Geste. Informel. Privat.“, die an diesem Sonntag im Böckstiegel-Museum in Werther eröffnet wird, zeigt, wie Künstler nach 1945 den Aufbruch wagten

Und damit öffnet sich eine Tür in die Welt des Abstrakten. Das noch junge Museum betritt mutig Neuland, zeigt in seiner zehnten Ausstellung zum ersten Mal Kunst der Nachkriegsmoderne. Die Schau, die Kunsthistorikerin Susanne Kleine aus Bonn (Bundeskunsthalle) kuratiert hat, bildet einen repräsentativen Querschnitt der malerisch abstrakten, gestischen Kunst der 1950-er und 60-er Jahre, dem Informel.

Museum statt Wohnzimmer

Möglich wurde dies, weil eine ostwestfälische Familie, die sich dem Museum eng verbunden fühlt, aber ungenannt bleiben möchte, erstmals Teile ihrer umfangreichen Privatsammlung präsentieren lässt. Dazu gehören Bilder namhafter Vertreter wie Hubert Berke, Fred Thiele oder Karl-Otto Götz.

Natürlich gehört das Gedankenexperiment, welche Rolle Böckstiegel in der Nachkriegskunst gespielt hätte, ins rein Spekulative und ist auch nicht Kern der Ausstellung. Aber immerhin wird eine potenzielle Möglichkeit ausgelotet. Und spannend ist der Ausflug ins Abstrakte allemal.

Imposante Formate

Dem Stammgast im Museum bietet sich gänzlich Ungewohntes. Imposante 3,40 Meter hoch etwa ist Fred Thielers „Epitaph für Franz Kline“. Im nächsten Raum hängen Fantasiegebilde von Bernhard Schultze, so genannte „Migofs“, von der Decke und lassen „Malerei in den Raum wandern“. Bei aller Vielfalt und Individualität, die die 70 Werke von 20 Künstlern unterscheidet, ist gleichwohl immer ein Dialog inszeniert.

Denn am Ende eint sie eines: der unbändige Drang, Freiheit und Offenheit in einer bis dato unbekannten Dimension zum Ausdruck zu bringen. Emotionen und Spontaneität führen Pinsel und Rakel. Der Schaffensprozess ist wichtiger als die durchdachte Komposition. „In einer Zeit, in der die Gegenstände durch den Krieg zerstört waren, war es geradezu logisch, dass Künstler eine neue innere Haltung aufbauten“, erläutert Kuratorin Kleine. Die Form verlor an Bedeutung.

Kuratorin Susanne Kleine: „Das versteht jeder“

Wer vor den abstrakten Werken steht, muss sich trotzdem nicht verloren fühlen. Zwar tragen nur wenige Bilder und Skulpturen Titel, die der persönlichen Assoziation einen Hinweis geben könnten. Aber: „Das Informel ist eine Weltsprache. Jeder, unabhängig vom Kulturkreis, kann sie verstehen, da sie nichts Konkretes abbildet, das gebunden ist an Wissen, Kontext oder Kultur“, ermutigt Susanne Kleine, sich von der Dynamik, Intuition und Impulsivität einfach in den Bann ziehen zu lassen.

Zusätzlich gibt es natürlich (neben einem großen Katalog) für jeden Besucher ein kleines Begleitheft, das durch Fotos aus dem Wohnhaus der Sammler einen besonders charmanten, privaten Charakter hat. Im Kellergeschoß kann ein ausführlicher, erläuternder Film angeschaut werden.

Ausstellung in Werther ist bis zum 24. April zu sehen

Auch eine Reihe von Veranstaltungen hat das Museumsteam geplant und hofft, alle durchführen zu können – nachdem die Ausstellung selbst wegen Corona zweimal verschoben werden musste, gibt es hier eine gewisse vorsichtige Zurückhaltung. „Aber die ersten Anfragen sind schon da“, berichtet Museumsleiter David Riedel von einer guten Resonanz, bevor die Ausstellung an diesem Sonntag um 12 Uhr überhaupt öffnet.

Zu sehen ist sie bis Sonntag, 24. April. Es gilt die 2G-Regel, die inklusive Lichtbildausweis am Eingang kontrolliert wird. Im Café Vincent muss zusätzlich ein Negativ-Test oder eine Booster-Impfung nachgewiesen werden.

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