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Am fünften Tag der Impfanmeldungen scheitern noch immer viele Senioren

„Es ist ein Trauerspiel“

Herford (WB)

Im Dauerbetrieb hält der Akku eines Festnetztelefons gut fünf Stunden. Dann muss es wieder in die Ladestation. Ursula und Horst Mimmel haben zwei Apparate, mit denen sie versuchen, einen Impftermin zu bekommen. Eins ist im Einsatz, eins in der Ladestation.

Stephan Rechlin

Der Weg zur Impfung ist mühselig und beladen. KVWL-Bezirksstellenleiter Dr. Hermann Lorenz ruft Senioren auf, keinesfalls aufzugeben. Es würden wellenartig immer wieder neue Termine frei geschaltet. Foto: imago images/Friedrich Stark

Die Verzweiflung der ersten vier Tage hat sich am fünften Tag in Sarkasmus gewandelt: „Wir haben inzwischen ein Spiel daraus gemacht. Ein Trauerspiel“, sagt Horst Mimmel. Der einzige Unterschied zu den vergeblichen Versuchen der Vortage: „Wir kommen schneller zu einer Mitarbeiterin durch. Die sind auch alle sehr nett. Aber helfen können sie uns auch nicht.“

Im Haus von Heidrun und Bernd Bahle bemüht er sich an der Leitung weiter um einen Termin während sie mit der Presse spricht: „Den ersten Termin haben wir. Doch mit dem zweiten hat es noch nicht geklappt.“ Ihnen sei völlig klar gewesen, dass die Plattformen an den ersten drei Anmeldetagen zusammenbrechen würden: „Darum haben wir auch erst am dritten Tag angefangen, es zu versuchen.“ Es sei extrem schwierig, doch Groll ließen sie deshalb nicht aufkommen: „Sollen erst einmal jene Senioren über 80 geimpft werden, die unter Vorerkrankungen leiden. Das ist wichtiger.“ Für die anderen würden sicher im Laufe der kommenden Wochen noch weitere Termine eingerichtet.

An genau solch‘ gefährlichen Vorerkrankungen leidet die Frau von Egon Mester. Darum sei er ja so verzweifelt, noch immer nicht bei der Kassenärztlichen Vereinigung durchgedrungen zu sein. Inzwischen habe er seine in München lebende Tochter mobilisiert, die sich extra einen Tag frei genommen habe, um ihren Eltern zu helfen. Vergeblich. Mester: „Sie hat es bis zu dem vierstelligen Code geschafft, der zehn Minuten lang gültig ist. Darüber hinaus aber konnte sie nicht weiter vordringen.“ Zu gern würde er eines Tages die Namen jener Leute kennenlernen, die das Anmeldeverfahren dermaßen verbockt hätten: „Die wird hinterher wieder niemand kennen, wollen wir wetten?“

Der Sohn von von Werner Schiller (84) lebt auch in München. Er ist Diplom-Informatiker und hat es geschafft, seinen Eltern immerhin den ersten Termin zu organisieren. Beim zweiten aber habe auch er kapitulieren müssen. Aus reinem Spaß habe es Schiller darum einfach mal am Donnerstag unter der Nummer 116117 probiert: „Ich bin auf Anhieb durchgekommen und konnte auch einen zweiten Termin vereinbaren. Toll, was?“

Mangels öffentlicher Beratungsmöglichkeit sieht der Herforder Seniorenbeirat derzeit keine Möglichkeit, bei der Stadt, dem Kreis oder der KVWL wegen des Anmeldestaus zu protestieren: „Was würde das auch nützen? Offiziell trägt doch schon heute niemand Verantwortung für das Chaos,“ sagt Beiratsvorsitzender Bernhard Wüstefeld. Der Beirat setze sich für einen Gratis-Fahrdienst für Senioren zum Impfzentrum Bustedt ein: „Wir wären froh, wenn das klappen würde.“

Hermann Lorenz, Bezirksstellenleiter der KVWL, appelliert an Senioren, es weiter zu versuchen. Es würden wellenartig immer wieder neue Impftermine frei geschaltet.

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