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Dr. Isabell Schultheis übernimmt Leitung des Kreisgesundheitsamtes mitten im Wechsel der Virusvarianten

I-Männchen warten auf Untersuchung

Kreis Herford (WB)

Die eine Virusvariante geht, die neue kommt. In dieser Übergangssituation der Coronakrise löst Dr. Isabell Schultheis die pensionierte Leiterin des Kreisgesundheitsamtes Herford, Dr. Marie-Luise Kluger, auf der Führungsposition ab. Mit HK-Redakteur Stephan Rechlin spricht sie über die neuen Varianten, neue IT und die bevorstehende Öffnung der Schulen.

Stephan Rechlin

Dr. Isabell Schultheis hat die Leitung des Kreisgesundheitsamtes von Dr. Marie-Luise Kluger übernommen, die in den Ruhestand gewechselt ist. Sie arbeitet seit 2007 als Amtsärztin, 2016 übernahm sie die Leitung des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes. Seitdem zählt sie zum Leitungsteam des gesamten Amts. Foto: Petra Scholz

Wie erfahren wir, ob neue Corona-Varianten bei uns vorkommen? Wird in den Kliniken im Kreis Herford sequenziert?

Dr. Isabell Schultheis: Eine Typisierung muss entweder von einem niedergelassenen Arzt oder dem Öffentlichen Gesundheits-Dienst in Auftrag gegeben werden und schließt sich im Verdachtsfall an eine positive PCR-Testung an. Diese erfolgt in Laboren, die eine entsprechende Ausstattung vorhalten. Wenn es eine Virusmutation gibt, so wird die Bevölkerung darüber zeitnah informiert. In 17 Fällen ist das bereits passiert. Ein höher Anteil daran geht auf Infektionen in einer Spenger Kita zurück.

Wie reagieren Menschen, die über eine Infektion informiert werden? Geben Sie bereitwillig Auskunft, wo sie sich infiziert haben könnten?

Schultheis: Die Menschen in unserem Kreis sind durchweg angenehm im Umgang und zeigen sich meistens äußerst verständnisvoll. Die Beantwortung unserer Fragen zu Kontakten ist in der Mehrzahl der Fälle verlässlich, und es gibt durchaus wertvolle Hinweise zu möglichen Ansteckungsquellen. Leider bleibt aber auch oftmals vollkommen unklar, wo sich eine Person angesteckt haben könnte.

Wie funktioniert die Quarantäne-Regel, wenn ein Familienmitglied infiziert ist? Wie lange dauert die Quarantäne, wenn sich zwischendurch weitere Familienmitglieder anstecken?

Schultheis: Hier richten wir uns nach den Richtlinien des Robert-Koch-Institutes, die besagen, dass sich enge Haushaltsmitglieder ab dem Tag des Abstrichs des Indexfalls für 14 Tage in Quarantäne begeben müssen. Besteht kein Verdacht auf das Vorliegen einer Virusmutation beim Indexfall, so dürfen sich dessen häusliche Kontaktpersonen am zehnten Quarantänetag freitesten lassen.

Die meisten Todesfälle werden uns aus Altenheimen gemeldet. Wird die Schnelltest-Verordnung in den Heimen eingehalten? Können Sie das überhaupt überwachen?

Schultheis: Die Corona-Testverordnung wird im Kreis Herford seitens der Pflegeheime weitestgehend eingehalten. Gemeinsam mit der Heimaufsicht des Kreises, die heute WTG-Behörde heißt, führen wir gezielte Begehungen durch und stehen den Heimleitungen beratend zur Verfügung. WTG steht für das Wohn- und Teilhabegesetz.

Wie viele Mitarbeiter setzt das Kreisgesundheitsamt in der Pandemie-Bekämpfung ein, was passiert mit den aufgelaufenen Überstunden?

Schulheis: 118 Personen sind derzeit für die Bearbeitung der Thematik Corona abgestellt, hierfür ist eine deutliche Personalaufstockung seit Frühjahr notwendig geworden. Der Aufbau von Überstunden war zum Teil erheblich, ein entsprechender Abbau konnte erst mit Neueinstellungen möglich gemacht werden.

Welche Aufgaben musste das Kreisgesundheitsamt zurückstellen, weil die Pandemie-Bekämpfung Vorrang hat?

Schultheis: Die Schuleingangsuntersuchungen mussten zunächst eingestellt werden und wurden nachgeholt bis ins laufende erste Schuljahr. Auch der Beginn von Schuleingangsuntersuchungen für das kommende Schuljahr hat sich deutlich verzögert und kann erst jetzt wieder in Betracht gezogen werden. Einen besonderen Fokus haben wir wegen der Pandemie auf alle Hygienemaßnahmen gerichtet, auf Regelbegehungen in medizinischen Einrichtungen musste aber verzichtet werden. Gutachten im amtsärztlichen Bereich wurden zurückgestellt und amtsärztliche Untersuchungen auch im Kinder- und Jugendärztlichen Bereich unterlagen einer Priorisierung. Beratungstätigkeiten aller Art wurden deutlich reduziert und auf das Nötigste beschränkt. Die Trinkwasserüberwachung der Wasserversorger erfolgte vollständig, Abstriche mussten im Bereich der Hausbrunnenüberwachung gemacht werden.

Wird im Kreisgesundheitsamt noch gefaxt? Mit welcher Software kommunizieren Sie mit den Laboren?

Schultheis: Die Labore melden sowohl über Demis als auch in wenigen Fällen noch per Fax, unsere Übermittlung ans Robert-Koch-Institut erfolgt über das Meldesystem Gumax in elektronischer Form.

Der Bund wirbt seit Monaten für die Nachverfolgungs-SoftwareSormas. Sie soll in allen Gesundheitsämtern Deutschlands installiert werden. Arbeitet auch der Kreis Herford inzwischen mit Sormas?

Schultheis: Wir arbeiten seit Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 mit einer eigenen Datenbank, die sich bewährt hat. Sie bietet viele Funktionen, die im Kontaktpersonenmanagement, aber auch in der Öffentlichkeitsarbeit sehr hilfreich sind. Die Einführung von Sormas wird jetzt vorbereitet. Sormas ist bestellt und wird derzeit auf geeignete Schnittstellen überprüft sowie von der technischen Seite her beleuchtet. Erste Anwenderschulungen haben bereits stattgefunden.

Im September 2020 haben Bund und Länder vier Milliarden Euro im Pakt für den öffentlichen Gesundheitsdienst bereit gestellt. Zehn Millionen Euro sind davon in einer ersten Tranche an das Land NRW geflossen. Wie viel ist von diesem Geld bisher im Kreis Herford abgekommen?

Schultheis: Wir erwarten über diesen Pakt finanzielle Unterstützung bei der In-stallation von Sormas und haben eine Verbesserung der technischen Ausstattung unserer Arbeitsplätze erreichen können. Für noch ausstehende Arztstellen und nichtärztliches Personal sind ebenfalls Gelder eingeplant worden.

Am Montag öffnen die Schulen wieder. Wie beurteilen Sie diesen Schritt?

Schultheis: Für die Kinder ist ein zeitnaher Start sicher wünschenswert und wichtig für eine gesunde Entwicklung. Ob wir mit Schulöffnung der Ausbreitung der Virusmutationen Vorschub leisten, bleibt abzuwarten, ist aber nicht ganz ausgeschlossen. Als Infektionstreiber sind aber aus unserer Erfahrung Kinder und Jugendliche nicht anzusehen.

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