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Lisa Rehbaum lebt in einer Behinderten-Einrichtung und hätte Samstag ihre erste Spritze gegen Corona erhalten sollen

Impfchaos: Termin wieder abgesagt

Bünde (WB)

Ein Stück zurück in die Normalität. Das hatte Lisa Rehbaum schon fest vor Augen. Eigentlich hätte die 35-Jährige – sie leidet an einer geistigen Behinderung mit Autismus – am vergangenen Samstag ihre Impfung gegen das Coronavirus erhalten sollen.

Kathrin Weege

Lisa Rehbaum arbeitet seit knapp drei Monaten im Homeoffice, statt in der Werkstatt der Lebenshilfe Lübbecke. Sie setzt an einem Tisch Klosteine in die Plastikhalter ein. Aktuell lebt sie nicht im Wohnheim, sondern bei ihren Eltern in Hiddenhausen. Foto:

Die Lebenshilfe Lübbecke hatte sich dafür eingesetzt, dass die Bewohner des Wohnheims Hüffer-Heide in Bünde die erste Spritze erhalten. „Vor drei Wochen haben wir einen Zettel als Voraussetzung für die Impfung ausgefüllt, der Termin Samstag stand fest, auch ein Arzt war schon gefunden“, sagt Lisas Mutter Ute Rehbaum.

Am Freitag dann die Enttäuschung. Der Termin wird abgesagt, weil die Menschen aus dem Wohnheim nicht zur ersten Impfgruppe gehören. „Ein Wohnheim der Eingliederungshilfe sei nicht mit Alten- und Pflegeheimen gleichzusetzen, hieß es in der Begründung“, berichtet Rehbaum. Während allerdings der benachbarte Kreis Minden-Lübbecke die Wohnheime in die Stufe eins eingliedert, hat dies der Kreis Herford nicht gemacht. Was der abgesagte Termin für die Bewohner der Einrichtung bedeute, ahnten viele gar nicht.

Seit 18 Jahren lebt Ute Rehbaums Tochter in dem Bünder Wohnheim. Es sei ihr damals schwer gefallen, sich dort einzugewöhnen. Die erste Zeit kam Lisa jede Woche zu ihren Eltern nach Eilshausen, später dann alle zwei Wochen. „Und jetzt gerät seit dem ersten Lockdown wieder ihr ganzer Alltag durcheinander. Das ist gerade für jemanden, der an Autismus leidet, sehr schwer“, ist Ute Rehbaum verbittert.

Im Wohnheim entfallen gemeinsame Unternehmungen, die letzte Reise fand 2019 statt. „Ich habe meine Tochter schon im ersten Lockdown nach Hause geholt und jetzt wieder. So ist sie nicht ganz so einsam“, meint die 65-Jährige, die zum Start in den Tag immer einen Spaziergang mit Lisa und dem Hund Pelle macht.

Würde ihre Tochter weiter im Wohnheim leben und am Wochenende zwei Tage zu ihr nach Hause kommen, müsste sie vor der Rückkehr immer einen Corona-Test machen. „Das hätte sie sicher nur einmal über sich ergehen lassen. Das kann man jemanden mit einer geistigen Beeinträchtigung gar nicht vermitteln“, sagt Ute Rehbaum.

Und es hat noch einen Grund, warum sie die 35-Jährige zu sich genommen hat. „Ich habe Angst, dass Lisa Corona bekommt. Was, wenn sie bei einem schweren Verlauf ins Krankenhaus müsste und wir sie nicht besuchen dürften?“, so Ute Rehbaum. Über das Wohnheim, wechselnde Pflegekräfte, Kontakte mit der Werkstatt komme Lisa mit recht vielen Menschen zusammen. Ihre Ergotherapietermine seien seit langem abgesagt. Da Ute Rehbaum selber unter einer Vorerkrankung leidet, gelte es auch deshalb, möglichst viele Risikofaktoren auszuschließen.

„Und das betrifft auch viele andere Angehörige in den Wohnheimen. Denn es sind zwar unsere Kinder – ich sage immer ‚unsere Babys‘, weil sie besonders viel Zuwendung brauchen – aber sie sind längst erwachsen, viele ihrer Eltern schon älter. Und sie gehören damit zu den Risikogruppen“, bringt es die Hiddenhauserin, die auch Vorsitzende des Angehörigenbeirats in Hüffer-Heide ist, auf den Punkt.

Eigentlich arbeitet Lisa Rehbaum täglich in einer Werkstatt. Dort steckt sie Klosteine in Plastikhalterungen, die dann später von den Käufern in der Toilette angebracht werden können. „Wir haben Glück – diese Arbeit kann sie auch ganz gut von zu Hause erledigen“, meint ihre Mutter. Doch ohne Kontakte, ohne das bekannte gemeinsame Programm im Haus der Lebenshilfe Lübbecke fehlt der 35-Jährigen etwas.

„Ihr geht es nicht anders als uns im Lockdown: Die Nerven liegen leichter mal blank. Da bekommt Lisa auch schnell schlechte Laune“, weiß Rehbaum. Längst nicht alle Bewohner der Einrichtung – sie haben eigene Zimmer, nutzen aber einen gemeinsamen Wohn- und Essbereich – hätten das Glück, zu ihren Angehörigen nach Hause zu können. Rehbaum: „Wer niemanden mehr hat, ist sehr einsam.“

Die Bewohner der Hüffer Heide gehören in die zweite Gruppe der Impflinge. Ute Rehbaum: „Meine Mutter ist 90 Jahre alt und sollte somit eine der ersten sein. Für sie habe ich mit Mühe einen Termin Ende April bekommen.“

Wann Lisa Rehbaum endlich wieder in ihren gewohnten Alltag zurückkehren kann, steht also wohl noch eine Weile in den Sternen.

Das sagen Lebenshilfe, KV und Kreis

„Bis zur Absage durch die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe bestand auch für Einrichtungen der Eingliederungshilfe wie das Wohnheim Hüffer-Heide die Möglichkeit, sich mit Priorität 1 für die Impfungen anzumelden“, erklärt Rüdiger Scholz, stellvertretender Geschäftsführer WuB (Wohnen und Begleiten) bei den Lübbecker Werkstätten. Erst auf Grund einer intensiven Prüfung durch die Kassenärztliche Vereinigung seien diese Einrichtungen zum Teil sehr kurzfristig ausgeschlossen worden, da sie entsprechend der Impfverordnung nicht zur höchsten Priorisierungsstufe gehörten. In der Zuständigkeit des Kreises Minden-Lübbecke sind die besonderen WuB-Wohnformen von Amts wegen der höchsten Priorisierungsstufe zugeordnet worden. Für den Kreis Herford sei dies nicht erfolgt. „Wir bedauern dies sehr“, so Scholz.Die KVWL bestätigt, dass die Impf-Koordinierungseinheit der Kreise für die Einstufung der Heime zuständig ist. „Die KVWL selbst nimmt keinen Einfluss auf die Bestellung und priorisiert auch nicht. Die Entscheidung, ob ein Heim impfberechtigt ist, fällt somit die Koordinierungseinheit“, so die KVWL auf Anfrage.Der Kreis Herford teilt mit, dass erst wenn die Personen mit höchster Priorität eine Schutzimpfung erhalten haben, die nächste Gruppe geimpft werden könne. „Hierzu gehören u.a. Personen mit Trisomie 21 oder mit einer geistigen Behinderung sowie Personen, die in stationären Einrichtungen zur Behandlung, Betreuung oder Pflege geistig behinderter Menschen tätig sind. Die Wohngruppe Hüffer-Heide gehört damit zu der Gruppe mit hoher Priorität“, so Kreissprecherin Petra Scholz.

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