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Jutta Heckmanns erinnert sich an die Interviews mit Holocaust-Überlebenden aus Herford – Teil einer neuen Ausstellung

„Keine Berührungsängste erlebt“

Bünde/Herford (WB)

Das Darüberreden sei wie eine Erlösung, eine Erlösung aus ganzem Herzen. Die Herforderin Jutta Heckmanns erinnert sich noch sehr gut an diesen Satz einer ehemaligen jüdischen Mitbürgerin. Im Zusammenhang mit einer neuen Ausstellung spricht die 76-Jährige über ihre Interviews aus den 80er Jahren.

Hartmut Horstmann

Jutta Heckmanns berichtet über die Gespräche mit Holocaust-Überlebenden. Der Bünder Filmemacher Norbert Kaase hält dies mit der Kamera fest. Foto: Hartmut Horstmann

„Jüdische Geschichte und Kultur im Raum Herford“: Dies ist der Untertitel der Ausstellung, deren Eröffnung für den 27. Februar in der Herforder Gedenkstätte Zellentrakt vorgesehen ist. Allerdings sei unwahrscheinlich, dass der Zellentrakt dann wieder geöffnet werden könne, sagt Mitkurator Michael Girke. Auf jeden Fall werde es eine Online-Präsentation geben.

Der Bünder Filmemacher Norbert Kaase, der derzeit auch an einer Dokumentation über die Geschichte der Juden in Bünde arbeitet, war am Montag für Aufnahmen ins Herforder Daniel-Pöppelmann-Haus gekommen. Interviewt wurde Jutta Heckmanns, die vor Jahrzehnten Gespräche mit Holocaust-Überlebenden aus Herford geführt hatte. Gemeinsam mit ihrem mittlerweile gestorbenen Mann Jürgen hatte sie daraus Zeitzeugen-Filme gemacht.

Der damalige Anlass war die Ausstellung „Juden in Herford“ im Jahr 1988 im Pöppelmann-Haus. Um deren Konzeption hatten sich die Ehepaare Heckmanns und Brade gekümmert. Im Zuge der Vorbereitung kam es zur Einladung ehemaliger jüdischer Mitbürger – und weil Jürgen Heckmanns an der Bielefelder Universität als Dozent für Dokumentarfilme tätig war, entstand die Idee, Zeitzeugen-Gespräche mit der Kamera festzuhalten.

Jutta Heckmanns denkt nicht ohne Stolz an den Erfolg zurück, den die Ausstellung „Juden in Herford“ damals hatte. Sechs Wochen lang sei sie zu sehen gewesen – mit etwa 5000 Besuchern. Jeden Tag sei das Museum voll gewesen.

So sehr das Thema ein gesellschaftliches Anliegen traf, so groß war offenbar bei manchen die Skepsis vor dem Filmprojekt. Viele hätten sich immer noch nicht sicher gefühlt, erinnert sich Jutta Heckmanns an Stimmen von Juden, die nach dem Holocaust in Herford lebten.

Anders die Emigranten, die viel offener gewesen seien. „Ich habe keine Berührungsängste erlebt“, sagt Jutta Heckmanns heute. Mit drei Frauen, die im Kindesalter Herford verlassen hatten, besuchte sie die Gedenkstätte Bergen-Belsen. Dort waren Angehörige der Frauen zu Tode gekommen. Eine schmerzhafte Begegnung mit der eigenen Familiengeschichte – die Bewegtheit, die der Besuch des früheren Konzentrationslagers auslöste, ist der 76-jährigen Jutta Heckmanns Jahrzehnte später noch anzumerken.

Sie habe darüber mit den Frauen damals gesprochen – auch über die Interviews. Und es sei der Satz gefallen, das Ganze sei wie eine Erlösung, eine Befreiung: „Das zu hören, war sehr berührend“, sagt Heckmanns.

In der Folgezeit wurden die Interview-Filme immer mal wieder gezeigt. Auch ihr Mann sei mit dem Ergebnis letztendlich zufrieden gewesen, sagt Jutta Heckmanns. Am Anfang habe er Angst gehabt, das Thema könne zu spektakulär aufbereitet werden. Der Uni-Dozent wollte eine informative Ausstellung, in der es um jüdische Kultur und Geschichte in Herford ging – umso besser, dass gerade diese Konzeption zu einem Besuchererfolg wurde.

Die neue Ausstellung greift das damalige Thema auf und ergänzt es. Aus den alten Filmen hat Michael Girke neue Beträge gemacht – hinzu kommen die Erinnerungen von Jutta Heckmanns. Auch ein Gespräch mit Dr. Lutz Brade ist noch geplant. Per Screentouch sollen die Filme in der Ausstellung zu sehen sein – wann auch immer diese eröffnet werden darf.

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