Ist der Hinweis auf russlanddeutsche Teilnehmer an der Herforder Eltern-Demonstration stigmatisierend? Ein Streitgespräch

„Protest zeigt doch die Integration“

Herford (WB)

Lidia Wingert, Leiterin des deutsch-russischen Chores Rodnik und kommunalpolitisch interessierte Leserin des HERFORDER KREISBLATTES, hat sich über den Bericht zur Elterndemonstration gegen die Testpflicht an Schulen aufgeregt. Der Hinweis auf überwiegend russlanddeutsche Teilnehmer an dem Protestzug sei falsch und stigmatisierend gewesen. HK-Redakteur Stephan Rechlin weist den Vorwurf zurück: „Der Akzent war unüberhörbar und auch bei Demonstrationen in anderen Städten wahrzunehmen.“

Stephan Rechlin

Lidia Wingert weist auf die tiefe Integration russlanddeutscher Bürger in die Herforder Gesellschaft hin. Foto: Stephan Rechlin

Was soll so falsch und stigmatisierend an dem Hinweis auf russlanddeutsche Teilnehmer sein?

Lydia Wingert: Es waren eben längst nicht nur russlanddeutsche Teilnehmer, sondern auch viele deutsche und türkische Familien, die gegen die Testpflicht protestiert haben. Aufschlussreicher wäre eine soziale Aufschlüsselung gewesen. Unter den Teilnehmern gab es einige Juristen, Bankangestellte, Industriekaufleute sowie Führungskräfte aus Herforder Unternehmen und aus Betrieben im Kreisgebiet. Es nahmen ebenfalls viele Erzieherinnen und Krankenschwester teil.

Zum beruflichen Hintergrund hätte ich jeden Teilnehmer einzeln befragen müssen. Den russlanddeutschen Akzent konnte ich den Gesprächen der Gruppen und den Mitgliedern des Organisationsteams entnehmen.

Wingert:  Einige Mitglieder des Organisationsteams hatten tatsächlich einen russlanddeutschen Hintergrund. Doch ist diese von ihnen organisierte Demonstration nicht ein deutlicher Beweis ihrer gelungenen Integration? Als besorgte Eltern fordern sie ein Mitspracherecht, wenn es um die Gesundheit ihrer Kinder geht. Und der Protest richtete sich ja nicht gegen die Tests an sich, sondern gegen die Testpflicht in den Schulklassen.

Ich habe auf die russlanddeutschen Teilnehmer vor allem wegen der Schlagzeilen über mennonitische, baptistische und freikirchliche Gemeinden hingewiesen. Dort hat man es mit den Coronaauflagen generell nicht so ganz ernst genommen, oder?

„Nicht nur russlanddeutsche Teilnehmer“: Lydia Wingert strebt ein realistisches Bild zum Elternprotest gegen die Testpflicht an Schulen an. Foto: Stephan Rechlin

Wingert:Aus solchen Gemeinden habe ich bei der Demonstration keine Mitglieder entdecken können. Sie führen sie ein sehr behütetes Leben, aus dem kaum etwas nach draußen dringt. So viel ich weiß, hat es in Herford zwar Schlagzeilen, aber keine Verstöße gegeben. Neben ihren Gottesdiensten leisten diese Gemeinden eine wertvolle, soziale Arbeit, die kaum jemand sieht. Sie kümmern sich um Menschen, die vom Weg abgekommen sind und Hilfe brauchen.

Wie ist Ihr Eindruck? Werden die protestierenden Eltern ihre Kinder zu Hause behalten, um die Testpflicht an Schulen zu umgehen?

Wingert: Nein. Dafür ist ihnen die Bildung ihrer Kinder zu wichtig. Sie werden nach Alternativen suchen. Zum Beispiel die Testmöglichkeiten in Apotheken nutzen. Dort kennt nur die Familie das Ergebnis, niemand sonst. An Grund- und Förderschulen sollen ja jetzt die Test-Lollies eingeführt werden, die anonym abgegeben und dann analysiert werden. Das ist ja auch schon ein Fortschritt.

Startseite