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Streit um Arbeitslohn: Mitglieder eines Familienclans sollen Ex-Mitarbeiter das Nasebein gebrochen haben

Prügelprozess geht erst nach Fiebertest weiter

Bünde (WB). Kurzzeitig treten die Prügel-Vorwürfe gegen zwei Angehörige eines Familienclans aus Enger in den Hintergrund, als Petr. C. (51, Namen geändert), einer der Angeklagten im Prozess vor dem Bünder Amtsgericht, erklärt: „Ich habe ein bisschen Fieber.” Die Verhandlung wird unterbrochen, ein Fieberthermometer muss her.

Daniel Salmon

Nachdem der ältere Angeklagte zum Prozessauftakt über leichtes Fieber klagt, zudem herauskommt, dass seine Tochter an Corona erkrankt war, ordnet die Amtsrichterin eine Fiebermessung bei dem 51-Jährigen an. Foto: Daniel Salmon

Der Verteidiger des mitangeklagten Marek C. (46) schildert zudem, dass die Tochter des 51-Jährigen vor kurzem an Corona erkrankt sei. Petr C. habe nach einer Reise in den Kosovo gerade erst eine 14-tägige Quarantänezeit hinter sich. Bei der Amtsrichterin schrillen die Alarmglocken. Erst auf ihre Nachfrage hin räumt der Angeklagte die möglichen Corona-Symptome überhaupt ein. „Das hätten sie am Gebäudeeingang sagen müssen. Dann haben sie dort gelogen”, empört sich die Richterin. Sie fordert einen Gerichtsdiener an, der bei Petr C. mit einem Thermometer die Körpertemperatur misst. Nach knapp zehnminütiger Unterbrechung kommt die Entwarnung: 37,2 Grad. Der Prozess kann weitergehen.

Doch was wird dem Duo auf der Anklagebank – beide gehören einem größeren Familienclan an, der seine Wurzeln unter anderem im Kosovo hat und dessen Angehörige sich bereits vor diversen Gerichten der Region verantworten mussten – konkret vorgeworfen? Laut Anklageschrift sollen die beiden Engeraner im Mai 2019 einen ehemaligen Mitarbeiter (35) ihrer in Bünde ansässigen Firma geschlagen und getreten haben. Der Mann habe durch den Angriff eine Nasenbeinfraktur sowie diverse Prellungen erlitten.

Streit wegen Arbeitslohn

Die zwei Angeklagten machen beim Prozessauftakt von ihrem Schweigerecht Gebrauch. Die Vernehmung des vermeintlichen Opfers, das auch als Nebenkläger auftritt, gestaltet sich schwierig. Der Mann spricht kaum Deutsch, eine Dolmetscherin muss aus dem Polnischen übersetzen. So soll der Mann letztes Jahr zwei Monate lang als Trockenbauer bei der Firma von Marek C. gearbeitet, dann aber gekündigt haben. Als er seinen restlichen Arbeitslohn einfordern wollte, sei es zum Streit gekommen. Wie der 35-Jährige ausführt, habe er im Vorfeld bereits 250 Euro bekommen. Statt die erwarteten weiteren 400 Euro aus seiner Tätigkeit zu bekommen, sollte der Zeuge plötzlich 40 Euro an den Firmenchef zahlen. Denn von seinem Lohn sollten 600 Euro Miete für eine zur Verfügung gestellte Wohnung, 250 Euro für Arbeitskleidung sowie 200 Euro für diverse andere Posten einbehalten werden. Als der 35-Jährige sich dann geweigert habe, ein von Marek C. vorgelegtes Papier zu unterschreiben, sei dieser in Rage geraten. „Ich habe gesagt, dass ich das Schriftstück erst meinem Anwalt zeigen will“, so der Zeuge, der daraufhin von dem 46-Jährigen einen Fausthieb auf die Nase erhalten haben will.

Weitere Zeugen geladen

Auch Petr C. soll ihn daraufhin attackiert haben, ihm sei aber die Flucht aus der Firma gelungen. Auch auf dem Parkplatz sollen es Prügelangriffe gegeben haben. Ein Transporterfahrer, der zumindest einen Teil des Vorfalls beobachtet haben soll, habe den Verletzten dann in sein Fahrzeug einsteigen lassen, ihn erst zur Polizei, später dann in ein Krankenhaus gefahren.

Immer wieder erfragt die Richterin Details des Ablaufs des mutmaßlichen Angriffs. Die Aussagen des Zeuge werden von der Dolmetscherin übersetzt. Mit den Übersetzungen ist aber die Nebenklagevertreterin, sie spricht selbst Polnisch, nicht einverstanden: „Sie lassen Teile der Antworten weg“, wirft sie der Übersetzerin vor. Nach knapp zweieinhalb Stunden wird der Prozess erneut unterbrochen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit verständigen sich die Parteien darauf, weitere Zeugen in der Sache anhören zu wollen. Die Verhandlung wird somit vertagt. Neben dem Transportfahrer soll auch die Buchhalterin der Bünder Firma vernommen werden. Sie soll während des Vorfalls ebenfalls anwesend gewesen sein und versucht haben, die Familienclan-Mitglieder von der Attacke abzuhalten. Der Prozess wird am 1. September fortgesetzt.

Urteil wegen Tacho-Betrug

Erst vor kurzem hatte sich Petr C. übrigens wegen eines anderen Vorwurfs vor dem Bielefelder Landgericht verantworten müssen. Der 51-Jährige, der in Bünde auch einen Autohandel betreibt, war nach Überzeugung der X. Strafkammer im großen Stil für den Verkauf von Autos mit manipulierten Tachoständen verantwortlich. Für besonders schweren Betrug kassierte er eine viereinhalbjährige Haftstrafe. Während der Urteilsverkündung im Mai dieses Jahres war er nicht anwesend, sondern hielt sich im Kosovo auf. Gegen ihn laufen in Bielefeld weitere Betrugsverfahren. Mit Blick auf die jüngste Verurteilung plädiert Petr C.’s Verteidiger zu Beginn des Prozesses in Bünde auf Verfahrenseinstellung. „Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig. Wir machen hier erstmal weiter“, so die Staatsanwältin.

Ursprünglich soll gegen den Mitangeklagten Marek C. vor dem Amtsgericht am Donnerstag wegen eines weiteren Vorwurfs verhandelt werden: So soll der 46-Jährige einen Mann ohne deutschen Aufenthaltstitel illegal beschäftigt haben. Das Strafbefehlsverfahren wird aber mit Blick auf eine mögliche Verurteilung wegen der Prügelattacke eingestellt.

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