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Betrieblich unterstützte Kinderbetreuung in Bünde ist Vorbild für andere Unternehmen

Vom »Wichtelcentrum« lernen

Bünde (WB). Rechtsanspruch hin oder her: Für berufstätige Eltern gestaltet sich die Suche nach der passenden Kinderbetreuung oft schwierig. Deshalb richten immer häufiger Unternehmen Kitas und Tagespflegen ein. Ein Beispiel aus Bünde macht jetzt Schule.

Bernd Bexte

Kinderbetreuung – hier ein Symbolfoto – kann bei der Bindung von Fachkräften ein Kriterium sein. Im Kreis Herford gibt es betrieblich unterstützte Angebote aber nur in Ausnahmefällen, so etwa im »Wichtelcentrum« Bünde oder im Kreisklinikum Herford. Foto: dpa

Hier gibt es seit 2015 das »Wichtelcentrum« an der Steinstraße, eine Tagespflege für Kleinkinder bis drei Jahren. Vier selbstständig tätige Tagesmütter kümmern sich um derzeit 18 Mädchen und Jungen. Die Apolife Mühlen-Apotheke und das Gesundheitscentrum Bünde hatten das »Wichtelcentrum« auf den Weg gebracht.

Zunächst nur drei Betreuungskräfte

»Wir sind ein Familienunternehmen, gerade im Apothekenbereich und in Arztpraxen stellen Frauen den Großteil der Beschäftigten«, erläutert Dr. Dorit Meyer, Inhaberin der Apolife Mühlen-Apotheke, die Beweggründe für den Aufbau des »Wichtelcentrums«. Begonnen hatte es mit drei Tagesmüttern. »Die Nachfrage war aber so groß, dass wir im Sommer 2017 eine weitere dazugeholt haben.« Denn nicht nur Kinder Betriebsangehöriger werden an der Steinstraße betreut. Das »Wichtelcentrum« steht allen offen. Für eine komplette Kindertageseinrichtung reiche die Größe allerdings nicht. »Zumal dann noch ganz andere Auflagen zu berücksichtigen wären.«

Das »Wichtelcentrum« – eine in dieser Form kreisweit einmalige Einrichtung – gilt in der Region als Vorbild: Das Kompetenzzentrum Frau und Beruf OWL, die Wirtschaftsförderung und die Gleichstellungsstelle des Kreises Herford hatten jetzt Personal- und Führungsverantwortliche aus kleinen und mittelgroßen Unternehmen eingeladen, die sich selbst Gedanken über eine betriebsinterne Kita oder Tagespflege machen. 20 Interessierte aus den Kreisen Herford und Minden-Lübbecke waren nach Bünde gekommen, darunter auch Frauke Peterburs von der Firma Glasmetall, die in Rahden 135 Mitarbeiter beschäftigt. »Wir planen einen kompletten Neubau und überlegen, ob und wie wir eine betriebsinterne Kinderbetreuung aufbauen können.«

Von 7 bis 16.30 Uhr geöffnet

Kommentar

Für die Kita ist die öffentliche Hand zuständig, also Staat und Kommunen. Denn es gibt einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Doch was, wenn das Angebot vor Ort nicht mit den Arbeitszeiten vereinbar ist? Da sind betrieblich unterstützte Einrichtungen wie das »Wichtelcentrum« eine Lösung. Dass Unternehmen sich in diesem Bereich engagieren, ist klasse. Die kommunale Wirtschaftsförderung sollte sie deshalb stärker in den Blick nehmen. Bernd Bexte

Vom Beispiel des »Wichtelcentrums« zeigte sie sich angetan. Es wird vom eigens gegründeten gemeinnützigen Verein »Beruf und Familie im Gesundheitscentrum« unterstützt. Unter anderem sind heimische Firmen Mitglied. Der Verein leistet etwa finanzielle Hilfe. »Der Elternbeitrag orientiert sich an dem, was in den anderen Einrichtungen in Bünde zu zahlen ist«, erläutert Dr. Dorit Meyer. Ein wichtiger Aspekt sind für berufstätige Eltern die Betreuungszeiten. »Das ›Wichtelcentrum‹ ist von 7 bis 16.30 Uhr geöffnet. Sicherlich könnte man sich gerade in den Abend hinein noch mehr wünschen, aber das ist jetzt schon vergleichsweise gut.« Das Essen werde täglich frisch vor Ort gekocht.

Angelika Främcke aus Hamburg, Expertin in Sachen betrieblich unterstützte Kinderbetreuung, stellte bei der Informationsveranstaltung die Bedeutung dieser noch relativ seltenen Art der Kinderbetreuung heraus: »Sie kann die Vereinbarung von Familie und Beruf enorm erleichtern.«

Thema gewinnt an Bedeutung

Eines sollte aber immer am Anfang stehen: »Ermitteln Sie zunächst den Bedarf, fragen Sie die Eltern«, appellierte sie an die Vertreter der Unternehmen. Denn ein Problem stelle sich immer wieder: »Die Entscheidung für eine betrieblich unterstützte Tagespflege fällt vielen Eltern schwer. Sie haben die Befürchtung, dass Sie später dann bei einem anstehenden Wechsel in eine Kita dort keinen Platz mehr bekommen.« Viele würden deshalb für ihren Nachwuchs von Beginn an einen Platz in einer »normalen« Kindertagesstätte suchen.

Das Thema gewinne dennoch an Bedeutung, sagt Meike Stühmeyer -Freese vom Kompetenzzentrum Frau und Beruf OWL. Sie ist bei der OWL GmbH beschäftigt und steuert ihre Aktivitäten vom Kreishaus Herford aus. Letztlich gehe es darum, die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen zu stärken – »unter Berücksichtigung der Belange der beschäftigten Frauen«. Dazu gehöre betrieblich unterstützte Kinderbetreuung. Am Ende profitierten beide Seiten, sagt Expertin Angelika Främcke: »Ein Betreuungsangebot bindet Fachkräfte.«

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