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Pflegeheimleitung Silke Warneke kritisiert neues Gesetz scharf

»Weniger Zeit und Geld für die Pflege«

Bünde (WB). Mehr Personal, mehr Zeit für Pflegebedürftige und geringere Eigenbeiträge für Menschen, die auf Pflege angewiesen sind. All das hatten sich die Pflegeeinrichtungen vom zweiten Pflegeverstärkungsgesetz versprochen. »Jetzt ist aber klar: Es wird nicht besser, sondern definitiv viel schlechter«, sagt Silke Warneke, Hausleitung vom Domizil an der Else.

Kathrin Heeren

Beim Kaffeetrinken kümmern sich die Ergotherapeuten Stefanie Neumann und Martin Vornholt mit viel Engagement um die Bewohner. Wenn das zweite Pflegeverstärkungsgesetz in Kraft tritt, bleibt im Schnitt weniger Zeit für jeden Heimbewohner. Foto: Kathrin Heeren

2017 soll das neue Gesetz in Kraft treten. »Alle Pflegebedürftigen werden von den Änderungen betroffen sein. Und was da auf uns zukommt, ist eine Sauerei«, sagt die Hausleitung. »Die Zahlen zeigen, dass am Ende weniger Zeit für die meisten Pflegebedürftigen zur Verfügung stehen wird. Zudem müssen viele Senioren mehr für die Pflege zahlen als vorher«, sagt Silke Warneke.

Für jeden Menschen etwa, der derzeit in Pflegestufe 1 eingestuft ist und stationär gepflegt wird, stehen laut Personalschlüssel bisher auf 24 Stunden gerechnet 85 Minuten Zeit zur Verfügung. »In diesen 85 Minuten muss die Person gepflegt, gefüttert und betreut werden. Zudem muss alles, was gemacht wurde, dokumentiert werden«, sagt Silke Warneke.

Nach der Gesetzesänderung fielen diese Menschen unter den Pflegegrad 2. »Dann stehen laut neuem Personalschlüssel auf einmal für denselben Menschen nur noch 74 Minuten Zeit zur Verfügung«, sagt Warneke. Lediglich Senioren mit Demenz seien etwas besser gestellt. »Für die gibt es ganze 113 Minuten, weil sie bereits unter den Pflegegrad 3 fallen«, so die Hausleitung.

Tatsache sei jedoch, dass für den höchsten Pflegegrad – nämlich Grad 5 (jetzt noch Pflegestufe 3), also für Menschen, die 24 Stunden am Tag Hilfe benötigen, – gerade einmal 171 Minuten am Tag zur Verfügung stünden. »Vorher waren es noch 190 Minuten. Von einer Verbesserung kann daher niemand sprechen«, sagt Silke Warneke.

Auch, was die Eigenbeiträge angeht, stehe eine erhebliche Verschlechterung bevor. »Ein Einzelzimmer für Menschen mit Pflegestufe 1 kostet bei uns 1900 Euro. Bisher übernahm die Pflegeversicherung 1064 Euro dieser Kosten. Laut neuem Gesetz werden nur noch 770 Euro übernommen. Den Rest zahlt jeder Betroffene selbst«, so Warnecke. Erst ab dem neuen Pflegegrad 4 (jetzige Pflegestufe 3) übernehme die Versicherung mehr Geld als bisher (1775 Euro statt bisher 1612 Euro). Finanzielle Verschlechterungen drohen vor allem Pflegebedürftigen, die bisher in Stufe 1 und 2 eingeordnet waren. »Das sind bei uns etwa 70 Prozent der Bewohner«, sagt Warneke.

Das neue Gesetz sehe einen Bestandsschutz von zwei Jahren vor. »Aber spätestens Ende 2018 läuft der aus. Dann sind alle betroffen.« Das Domizil an der Else habe den Vorteil, dass die Hesena Management GmbH als Träger der Einrichtung bereits jetzt mehr Pflegekräfte beschäftige als laut Gesetz im Personalschlüssel vorgegeben. »Da wir zur Hettichgruppe gehören, haben wir mit Rainer Hettich als Geschäftsführer jemanden hier, der finanziellen Rückhalt hat, so dass wir zumindest personell nicht sofort die Auswirkungen des Gesetzes spüren werden. Aber gerade manch großen Träger mit viel Personal wird das neue Gesetz hart treffen«, so Warneke.

Sie befürchtet, dass sich künftig noch weniger Menschen für den Beruf der Pflegekraft interessieren werden. »Die Vergütung ist nicht gut und die Anerkennung auch nicht.« Schon jetzt sei der Markt überschwemmt mit ausländischen Pflegekräften, die jedoch teilweise kein Wort Deutsch sprächen. »Der Beruf wird immer unattraktiver«, so die 58-Jährige. »Wer will denn unter diesem Druck noch arbeiten? Ich fürchte mich davor, wie es erst sein wird, sollte ich selbst einmal pflegebedürftig sein. Das will man sich gar nicht vorstellen.«

Wer Fragen zum Thema hat, den berät Silke Warneke gerne. Infos erteilt sie unter Telefon 0172-2994352 oder 05223/79440402.

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