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Seniorin aus Enger zahlt Waren bar – Nichte kümmert sich um Widerspruch – Firma aus Olpe ermöglicht Rückabwicklung

Haustürgeschäft: Einer 90-jährigen Frau wurde eine 3000-Euro-Matratze verkauft

Enger (WB)

Silke Benz ist sauer. An der Haustür wurde ihrer 90-jährigen Tante eine Matratze der Firma DOS für 2989 Euro verkauft, dazu ein Kissen für 194 Euro und die alte Matratze entsorgt – 89 Euro.

Kathrin Weege

Einer 90-jährigen Engeranerin wurde Anfang Dezember bei zwei Besuchen eine Matratze für 2989 Euro verkauft (Symbolbild).  dpa Foto:

Die gute Nachricht vorweg: Nach etwas Hin-und-Her kann die Sache rückabgewickelt werden. Das Geld wurde bereits erstattet. „Die 89 Euro aber sind weg, genauso wie die alte Matratze. Jetzt braucht meine Tante eine neue“, sagt die Engeranerin.

Die ganze Sache macht sie bei Facebook öffentlich. „Damit möchte ich andere warnen“, sagt die 50-Jährige. Es folgen etliche Kommentare im sozialen Netzwerk. „Natürlich gibt es teure Matratzen, aber für knapp 3000 Euro? Das ist verdammt viel Geld“, sagt sie.

Nichte Silke Benz

Und so lief die Sache nach Schilderung von Silke Benz ab. Anfang Dezember klingelt es an einem Dienstag bei der 90-Jährigen an der Tür. Zwei Männer stehen dort und bieten der älteren Dame Matratze und Kissen an. Sie stellen sich als Vertriebler von DOS (Das optimale Schlafsystem mit Sitz in Olpe) vor. „Sie haben auf meine Tante eingeredet, sie fühlte sich unter Druck gesetzt“, sagt die Nichte. Die Vertreter zeigten der 90-Jährigen einen Querschnitt der Matratze.

„Bei einem zweiten Besuch – am Freitag darauf – brachten die Männer die neue Matratze und nahmen das Geld mit. Meine Tante hatte es extra von ihrem Konto abgehoben“, berichtet die Engeranerin. Auch ihr Vater – der Bruder der Tante – sei bei dem Haustürgeschäft anwesend gewesen. Ihm habe man ein Gratis-Kissen gegeben.

Sie spricht mit einem Rechtsanwalt, schickt der Firma eine E-Mail und leitet per Einschreiben den Widerruf des Vertrages ein. „Ich habe zudem einige Male mit der Firma telefoniert. Erst bot man uns noch an, dass wir einen etwas geringeren Betrag auch in zehn Raten zahlen könnten. Wir wollten die teure Matratze aber unbedingt gegen das Geld zurückgeben“, berichtet Silke Benz. Schließlich erstattet DOS das Geld und will die Matratze in der kommenden Woche abholen.

Auf Nachfrage bei der Firma DOS ist zu erfahren, dass sie wie Tupper oder Vorwerk mit Vertriebspartnern arbeitet. Bei dem Besuch bei der 90-jährigen Engeranerin war Geschäftsführer Benedikt Arenz selber vor Ort. „Ich habe einen neuen Vertriebspartner eingearbeitet“, sagt er. Beide seien reingebeten worden. Die ältere Dame habe ihre bisherige Matratze gezeigt.

„Sie war schon 15 Jahre alt und die Frau klagte über Probleme mit dem Rücken“, erinnert sich Arenz. Er habe ihr das für sie geeignete passende und exklusive Produkt – es handele sich um eine „hochwertige Kaltschaummatratze, die mit verschiedensten Institutionen und Ärzten“ entwickelt worden sei – angeboten. „Wir haben uns mehrfach versichert, ob sie die Matratze explizit wünscht und auch gefragt, ob sie jemanden bei der Vertragsunterzeichnung dazu bitten möchte“, erklärt Arenz. Zudem sei ihr Bruder anwesend gewesen.

Eine Rückabwicklung im Sinne des Kunden sei für das Unternehmen selbstverständlich. Arenz: „Ich war aber perplex, weil ich damit nie gerechnet hätte, da die Beratungsqualität und der Wunsch der Kundin zu 100 Prozent übereinstimmten. Als gelernter Rettungssanitäter weiß ich, dass ältere Menschen öfter Probleme beim Liegen haben. Unser Produkt ist zwar teuer, kann aber gerade in solchen Fällen viel bewirken.“ Die 89 Euro würden sich als Liefer- und Entsorgungspauschale verstehen. Daher werde dieser Betrag von DOS – die Firma ist laut Arenz bundesweit tätig – eigentlich nicht erstattet werden. Aus Kulanzgründen sei das aber im Falle der Engeranerin dennoch geschehen, was diese nicht bestätigen kann.

Wenn es die Corona-Lage zulässt, wird Silke Benz mit ihrer Tante eine neue Matratze in einem Laden kaufen – und zwar in einem vor Ort. „Nachdem meine Tante darauf Probeliegen konnte“, sagt die Engeranerin.

Das rät die Herforder Polizei

Wenn Kunden sich auf Haustürgeschäfte einlassen möchten, dann rät die Polizei in Herford zu Folgendem:Zahlen Sie nie per Vorkasse, also bevor Sie die Ware erhalten haben. Unterschreiben Sie nichts unter Zeitdruck, lassen Sie sich nicht verwirren oder unter Druck setzen. Unterschreiben Sie nichts, was Sie nicht ganz genau verstanden haben. Unterschriften sind nie „reine Formsache“.Bitten Sie Nachbarn oder Bekannte als Zeugen dazu, denn wenn Sie unterschreiben, schließen Sie einen Vertrag, ein verbindliches Rechtsgeschäft ab. Achten Sie bei Haustürgeschäften auf das richtige Datum und die Unterschriften. Ein fehlendes oder falsches Datum erschwert gegebenenfalls die Durchsetzung Ihres Widerrufsrechts. Fordern Sie eine Vertragsdurchschrift, auf der Name und Anschrift des Vertragspartners deutlich lesbar sind. Wenn Sie es sich anders überlegen und von einem Geschäft zurücktreten möchten, dann schicken Sie einen schriftlichen Widerruf (Einschreiben mit Rückschein!) innerhalb von 14 Tagen nach Vertragsabschluss an den Verkäufer.

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