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Nach vier Monaten Lockdown kommen viele Gastronomen in Enger und Spenge an ihre Grenzen

Literweise Bier landet im Abfluss

Spenge/Enger (WB)

Seit November dürfen Gastronomen schon keine Gäste mehr bewirten. Zu den Umsatzeinbußen kommt nach vier Monaten nun ein anderes Problem: Das Haltbarkeitsdatum vieler Getränke nähert sich dem Ende, literweise Bier, Säfte und Softdrinks landen im Abfluss.

Christina Bode

Abgelaufen: Vieles von dem Bier, das Volker Ziegenbruch gelagert hat, muss er entsorgen. Foto:

„Es ist irre und wirklich ein großes Problem“, sagt Frank Andernacht,Inhaber der Moor-Ranch am Hücker Moor. Zwar habe er wohlweislich zum Ende des Jahres weniger bestellt, dennoch seien mindestens 300 Liter Bier, Weizen und unzählige Flaschen Limonade abgelaufen. „Ich habe schon mit meinem Steuerberater gesprochen, das muss alles abgeschrieben werden“, sagt er. Bei Lebensmitteln, die nicht in großen Mengen auf Vorrat gekauft werden, bestehe das Problem glücklicherweise nicht in dem Maße, sagt Andernacht. „Ein bisschen Frischware blieb am Ende übrig, die haben wir an die Mitarbeiter verteilt. Einiges konnte ich vakuumieren und einfrieren.“

Seine neun Angestellten hat Andernacht in Kurzarbeit geschickt. Besorgt ist er vor allem um seinen Koch-Azubi, der kurz vor seiner Abschlussprüfung steht. „Wir stehen im regelmäßigen Kontakt. Seine theoretische Prüfung wird wohl kein Problem, aber wie es mit der praktischen Prüfung aussieht, darüber habe ich noch keine Informationen“, sagt er. Frank Andernacht wartet sehnsüchtig darauf, wieder öffnen zu können. „Aber bei der aktuellen Entwicklung sind wir sicher die letzten, die aufmachen dürfen“, befürchtet er. Zwar habe er Coronahilfen bekommen, „aber das war bei Weitem nicht das, was mir an Umsatz verloren gegangen ist“, sagt er.

Durch den Hotelbetrieb kann hingegen Volker Ziegenbruch sein Hotel und Restaurant am Blücherplatz auf Sparflamme am Laufen halten. „Unter der Woche haben wir durchgehend Gäste, Monteure und Geschäftsreisende“, sagt er. So könnten seine neun Mitarbeiter in der Kurzarbeit zumindest ein bisschen arbeiten. Zusätzlich hätten ihn die November- und Dezemberhilfen ein wenig unterstützt. Doch auch er musste schon vieles an Getränken zurückgeben oder wegschütten. „Es ist so schade, dass man den Leuten damit nichts Gutes mehr tun kann“, sagt Ziegenbruch. „Am liebsten würde ich Freibier für alle auf den Blücherplatz stellen“, fügt er hinzu. „Ich habe aber immer noch die Hoffnung, dass wir im April endlich weitermachen können“, sagt er.

Sorge, wie es mit seinem Café Fensterplatz an der Mathildenstraße in Enger weitergehen soll, hat dagegen Serkan Agircan. Erst im Juni 2020 haben er und seine Frau Selda das Café eröffnet, „und es lief echt gut“, sagt der 33-Jährige. „Mittlerweile haben wir aber schon länger geschlossen als geöffnet und ich weiß langsam nicht mehr, woher ich das Geld noch nehmen soll“, fügt er hinzu. Es täte ihm in der Seele weh, immer wieder abgelaufene Lebensmittel und Getränke wegwerfen zu müssen.

Mit der November- und Dezemberhilfe konnte er zumindest die laufenden Kosten wie die Miete zahlen. Doch nach einer Gesetzesänderung fällt er nun für weitere Unterstützung durchs Raster – die Neustarthilfe, die Soloselbstständige unterstützten soll, kriegen alle, die ihr Gewerbe bis zum 30. April 2020 angemeldet haben. „Da durch den Lockdown vorher alle Ämter geschlossen waren, konnte ich mein Gewerbe erst am 11. Mai – also zwei Wochen zu spät – anmelden. Das soll mir jetzt zum Verhängnis werden“, sagt Serkan Agircan, der bald keinen weiteren Ausweg sieht, als ein weiteres Darlehen aufzunehmen. „Junge Leute, die gerade erst angefangen haben und keine Rücklagen bilden konnten, müssen doch unterstützt werden“, meint Agircan, der froh ist, von seiner Familie unterstützt zu werden.

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