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Erster Weltkrieg: Briefwechsel der Herforder Familie Budde als Buch erschienen

Als die Welt aus den Fugen geriet

Herford (WB). Der Krieg neigt sich dem Ende zu, doch die Angst bleibt. Angst vor einer unsicheren Zukunft – tiefe Einblicke ins Seelenleben der Menschen in Kriegszeiten gibt ein Briefwechsel, der jetzt in Buchform vorliegt.

Hartmut Horstmann

Herforder Familienidylle: Gerhard, Ernst (rechts) und Elsbeth Budde. Noch ahnt niemand, dass ein Weltkrieg kommen wird. Die Söhne wurden eingezogen, Ernst Budde fiel im August 1915 in der Nähe von Warschau, sein jüngerer Bruder überlebte. Foto:

Fast 550 Briefe

»Feldpost für Elsbeth« heißt die Dokumentation, bei der es sich um eine Herforder Familiensache handelt – und zwar im doppelten Sinne. Zum einen stammen die Briefe aus der Familie Budde, aus der zwei Söhne am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten. Zum anderen hat sich eine Angehörige der Familie, die Professorin Gunilla Budde, um die Erschließung und Kommentierung des Briefwechsels gekümmert.

Fast 550 Briefe umfasst die Korrespondenz, das daraus entstandene Buch beläuft sich auf mehr als 570 Seiten. Erschienen ist das Buch im Göttinger Wallstein-Verlag, jenem Verlag, der auch die Gesamtausgabe des in Herford aufgewachsenen Autors Hans Wollschläger veröffentlicht hat.

»Urkatastrophe«

Der Briefwechsel fällt in eine Zeit, deren Krieg Historiker später als die »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« bezeichneten. Doch es sind nicht nur die ganz großen Themen, die die Schreibenden beschäftigen, sondern auch und vor allem das weite Feld des Allzumenschlichen. So litt Gerhard Budde darunter, dass sein Bruder Ernst der besondere Liebling seiner Mutter Elsbeth war. Auch die Versorgungslage in Form von ausbleibender Pakete aus der Heimat war ein Thema.

Der größte Teil der Korrespondenz besteht aus Briefen zwischen der Mutter und ihrem 1897 geborenen Sohn Gerhard. Sein älterer Bruder Ernst war im August 1915 in der Nähe von Warschau gefallen. Wegen einer schweren Verletzung blieb Gerhard Budde nicht bis zum Kriegsende an der Front. So kam er nach Oldenburg und machte dort sein Abitur nach. Im Schützengraben hatte er den Entschluss gefasst, Arzt zu werden. Diesen Entschluss setzte er später um. Zudem gehörte Gerhard Budde zu den Mitbegründern des Herforder Kunstvereins und war von 1955 bis 1965 dessen Vorsitzender.

Angst vor der Zukunft

Ein besonderer Reiz des Briefwechsels besteht darin, die subjektiven Gedanken und Befindlichkeiten der Schreibenden in Beziehung zur historischen Situation zu setzen. Wichtiges leistet hier die Oldenburger Historikerin Gunilla Budde in ihren Anmerkungen und Überleitungen. So heißt es zum Kriegsende über Elsbeth Budde: »Die Welt, wie sie sie kannte, ist aus den Fugen. Seit sie fünf Jahre alt war, lebte Elsbeth in einer konstitutionellen Monarchie.«

Aus Herford schrieb Elsbeth am 7. November 1918 an ihren Sohn Gerhard in Oldenburg: »Ich lebe in einer fürchterlichen Sorge um Dich. Die Meutereien nehmen einen so erschreckenden Umfang an.« Und Gerhard lässt wissen, es solle ihn nicht wundern, »wenn die Engländer hier oben zu landen versuchten: Wir sind jetzt zum Sklavenvolk geworden.«

Doch die Familie habe schnell wieder Fuß gefasst, las Gunilla Budde in den Briefen der 20er Jahre. Auch hier ist eine Buchedition vorgesehen. Von ihrem Verlag erfuhr die Enkeltochter Gerhard Buddes zudem, dass der »Feldpost«-Band auf der Frankfurter Buchmesse auf großes Interesse gestoßen sei. Auf Einladung des Geschichtsvereins stellt sie das Buch am 5. März in Herford vor.

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