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Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre reden miteinander und machen daraus ein Buch

Am Anfang ist die Badehose

Bielefeld (WB)

Als sich Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre kennenlernten, trugen sie Badehose. Eine ungewöhnliche Begegnung in einem Ostseehotel – gleichzeitig der Beginn einer ausdauernden Autorenfreundschaft. Aus einer Reihe von Gesprächen haben sie ein Buch gemacht.

Hartmut Horstmann

Martin Suter/Benjamin von Stuckrad-Barre: „Alle sind so ernst geworden“. Diogenes, 272 Seiten, 22 Euro. Foto: dpa

„Alle sind so ernst geworden“ lautet der Titel, der ein Statement zur Corona-Situation sein könnte. Doch spielt die Epidemie in dem Buch keine Rolle – stattdessen geht es um Suters orangefarbene Badehose und die richtige Aussprache von Ibiza, um den Unterschied zwischen Liebe und Verliebtsein, um Denkpausen, die mit einem „Äähm“ gefüllt werden.

Auf der einen Seite der stets etwas zappelige Stuckrad-Barre (45), auf der anderen Seite der dauerelegante Martin Suter (72), der von sich sagt: „Ich weiß schon, warum ich lieber nicht schlagfertig bin.“ Die Unterschiede zwischen den Charakteren sind groß genug, um reichlich Gesprächsstoff zu ermöglichen. Wobei Stuckrad-Barre meist als die treibende Kraft auftritt und Suter derjenige ist, der auf die angesprochenen Themen reagiert.

Als guter Popliterat bevorzugt der jüngere der beiden die Oberfläche, die es im weiteren Gespräch mit Tief- oder Unsinn aufzuladen gilt. Suter spielt hier gerne mit, amüsiert und eloquent zugleich. Und er lässt durchblicken, dass auch seine Gutmütigkeit Grenzen kennt. So verweigerte der Schweizer einst die Freigabe eines Zeitungs- Interviews, weil er im Vorspann als „passionierter Hobbykoch“ bezeichnet werden sollte.

Viele Passagen lesen sich kurzweilig. Dass das Buch bei aller Formulierungskunst jedoch mitunter ins bemüht Geschwätzige abdriftet, ist wohl der Konzeption geschuldet. Wenn sich die Autoren zum Gespräch treffen, wissen sie, dass daraus ein Buch entstehen soll. Ein möglichst originelles Buch – aber wer ist schon auf Knopfdruck verlässlich in Topform?

Es steht fest, dass sich das Gesagte an die Außenwelt, an den Leser richten wird. Literatur als Bühne: Folglich agiert der frischverliebte Stuckrad-Barre immer auch als Darsteller seiner Verliebtheit. Nun ja, denkt der Leser, das Glück sei dem jungen Mann gegönnt.

Mit amüsierter Verwunderung nimmt man an anderer Stelle zur Kenntnis, dass sich ausgerechnet der Medienjunkie Stuckrad-Barre über Dieter Bohlen lustig macht, der in der „Bild“-Zeitung gerne für Schlagzeilen sorgt – Popliterat contra Poptitan.

Wer mindestens einen der beiden Autoren schätzt, wird den Gesprächsband mit einem hohen Grad an Belustigung lesen. Wer lieber über Trump, Fußball oder Weltliteratur diskutiert, sollte zu anderen Büchern greifen.

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